Zu den Partyexzessen in La Grande Bellezza & The Great Gatsby

Man ist sich nicht sicher, wo man anfangen soll. Der Beat hämmert eine Richtung vor, die Kamera führt uns als Plus One durch eine unbekannte Menschenmenge. Sprache verebbt im urzeitlichen Geschrei. Einstmals zivilisierte Gestikulation verwandelt sich in unkontrollierte Tanzrhythmen. Diese Menschen haben sich offensichtlich dem kollektiven Sinnverlust verschrieben. Ihre Gesichter mutieren zu Oberflächen ohne Geschichte und opfern sich bereitwillig dem Strudel des Jetzt.

Während ich meinen imaginierten Drink an der Bar bestelle, fällt mir auf, dass ich mich auf zwei Partys gleichzeitig befinde: Jay Gatsby (Leonardo di Caprio) und Jep Gambardella (Toni Servillo) haben geladen. Ersterer zelebriert in The Great Gatsby (Buz Luhrmann, USA 2013) wie im gleichnamigen Romanklassiker von Scott F. Fitzgerald  von 1925 eine exzessive Soirée im New York derselben Zeit, der Zweite in La Grande Bellezza (Paolo Sorrentino, ITA 2013) seinen 65. Geburtstag im Dasein des aktuellen Roms. Doch, ich kann meine beiden Gastgeber nicht erblicken. Wo sind sie nur?

Gott sei Dank, dass ich auf Jays Party Nick Carraway (Tobey Maguire) an meiner Seite habe. Als Erzähler führt er mich zu dem Zeitpunkt, als er Gatsby noch nicht kannte. Sein erlebendes und erinnerndes Ich verschmelzen zu einem liebenswürdigen Wesen, dem ich alles abkaufe, obwohl er eigentlich als Alkoholiker in Behandlung ist. Er ist von seinem Arzt dazu angehalten worden, seine Erlebnisse schriftlich (oder doch eher audiovisuell) festzuhalten. In dieser Erzählung befinde ich mich gerade. Gespannt treten wir in das Anwesen von Nicks Nachbarn auf Long Island, das an Größe und Opulenz kaum zu übertreffen ist: Ich erblicke Federboas, Kronleuchter, ein vermeintlicher Nachfahre Beethovens sitzt an einer Orgel, deren Sound sich mit zeitgenössischen Popsounds mischt. Alle drängen ins Innere von Gatsby, dessen Blut mit Alkohol, Poolwasser und Konfetti angereichert erscheint. Überboten wird das üppige Dekor mit den Erzählungen der Gäste um einen Gastgeber, den sie bisher nie zu Gesicht bekamen. Nach Nicks zahlreichen Drinks fühle auch ich mich in einem Taumel versunken und möchte mich am liebsten diesem Rausch, diesem glitzernden Nichts hingeben.

Bevor ich darin unterzugehen drohe, stelle ich fest, dass, im Gegensatz zur Führung Nicks, auf Jeps Feier niemand auch nur Notiz von mir nimmt. Dadurch, dass lediglich die Kamera als einziger, stummer Verbündeter die Szenerie aufzeichnet, beobachte ich, dass man mich zwar anschaut, aber eher durch mich hindurch blickt. Irgendwie fühle ich mich auf dieser Dachterrasse fehl am Platz. Daher fühle ich auch mit Romano (Carlo Verdone) mit, als er verzweifelt versucht, sich der Diskussion zwischen seiner eigenen vermeintlichen „Freundin“, die im Cast nur als Bleiche Frau (Anna della Rosa) aufgeführt wird, und einem Niemands-Autor anzuschließen. Die Damen der italienischen High Society klirren und krähen um jedes unpassende Outfit. Dazu mischen sich offensive Anmachsprüche von Seiten notgeiler Mittvierziger Plus. Eine mit Tätowierungen überwucherte Tänzerin bewegt sich kunstvoll hinter einem Glaskasten. Mit ihrer Performance inkorporiert sie den konsequent durchströmenden, selbstbezüglichen Ton, der immer wieder durch das Electro-Cover von Far l’Amore abgelöst wird. Sowohl auf Jays als auch auf Jeps Party ist Narzissmus zum neuen, kleinen Schwarzen auserkoren worden.

Und auch Nick vergisst mich immer mehr. Nachdem er Catherine (Adelaide Clemens), die er zuvor bei seiner Cousine Daisy (Carey Mulligan) kennengelernt hat, nach ihrem Annäherungstanz an einen reichen Nebenbuhler verloren hat, folgt er einem Unbekannten im tadellosen Smoking die Treppe hinauf. Die Kamera konzentriert sich oftmals auf den opulenten Ring des Herrn, jegliche Nahaufnahme sowie Dekor verschleiern sein Gesicht. Oben auf der Galerie angekommen, verkündet Nick, der von dem Unbekannten bereits zum Old Sport geweiht wurde, stolz, dass er die einzige Einladung zu der Veranstaltung erhalten habe. Man munkelt, Gatsby sei laut der Legende der Cousin 3. Grades des Kaisers oder gar jener 2. Grades des Teufels! Langsam setzt das Orchester im Hintergrund zum Finale, ein Feuerwerk wird entzündet. Langsam, aber bestimmt fährt die Kamera zu dem Herren heran. Galant hebt er ein Glas vom Tablett, entschuldigt sich für seine schlechten Manieren und dreht sich zu unserem Ungläubigen um. Selbstsicher und doch nüchtern verkündet er: I’m Gatsby.

Die riesige Martini-Reklame bei Jep verleitet mich zu einem zweiten Drink.

Eine korpulente Dame mit den Zahlen 6 und 5 auf den Brüsten springt aus einer Plastik in Form des Colloseum und gratuliert dem Geburtstagskind aus der Ferne. Dem Getuschel Stefanias (Galatea Ranzi) und Violas (Pamela Villoresi) entnehme ich, dass sie Lorena (Serena Grandi) heißt und schlichtweg durchgeknallt ist. Aufgrund des jubelnden Andrangs um Jep fällt die Ranfahrt in diesem Fall weniger auf. Er dreht sich tanzend zu mir um, ohne mich wie seine Gäste eines Blickes zu würdigen und widmet sich lieber den Beglückwünschungen, lustvollen Blicken und Küssen seiner GästInnen. Selbst die Kamera ist in seinen Bann gezogen und schwebt kopfüber über ihm.

Der nächste Track setzt mit dem feuchtfröhlichen Mueve la Colita ein, woraufhin der Gastgeber zur offensiven Balz aufruft. Abwechselnd im Takt kommunizieren Mann und Frau, gegenübergestellt, in der je gleichen, vorgeschriebenen lasziven Bewegung mit ihren potentiellen Kopulationspartnern. Auch bleibt die Metapher vom widersprüchlichen Einsiedler-Dandy in Form der Tänzerin hinter dem Glas bestehen, die genauso wie er schließlich eine Bühne benötigt. Nun stehe ich inmitten des von den beiden menschlichen Wänden gebildeten Flurs. Ich sehe wie Jep am anderen Ende ebenfalls dort hineintritt und sich eine Zigarette anzündet. Die seitlich zu vernehmenden Bewegungen der Tanzenden um ihn herum verlangsamen sich mit der Musik. Während er einmal kräftig zieht, wandern seine Augen von unten direkt in meine Richtung. Seine Umgebung wird zur Randnotiz, alles konzentriert sich auf seine Stimme als Erzähler aus dem Off-Ton. Tief entschlossen verkündet er, dass die Möse die Antwort auf die Frage seiner Freunde sei, was einem am besten im Leben gefalle. Er bevorzuge dagegen den Geruch alter Leute. Nach dieser rätselhaften Aussage, da sie über den gesamten Film nicht mehr aufgegriffen wird, fügt er im dreimaligen Anschlag hinzu, dass er dazu bestimmt gewesen sei, der Sensible zu sein, Schriftsteller zu werden und schließlich, in tief langgezogenen Lettern, er sei Jep Gambardella.


Angesichts der zahlreichen Erwähnungen anderer Kritiker und Blogger, dass beide Partys nichts mit einander zu tun haben, sah ich mich gezwungen, mich direkt ins Getümmel der Gemeinsamkeiten zu stürzen. Beide Arbeiten stammen von 2013, beide tragen das Adjektiv Great bzw. Grande in ihren Titeln und beide besitzen einen männlichen Protagonisten mit denselben Initialen. Ob Sorrentino ursprünglich an Fitzgeralds Figur des Gatsby gedacht hat, bleibt fraglich und wäre eine eigene Analyse wert. Auffallend ist allemal, dass zum gleichen Zeitpunkt zwei unterschiedliche Regisseure – Luhrmann aus den Riegen Hollywoods und Sorrentino, langsam den Indie-Kinderschuhen entwachsen – dieselbe Frage aufwerfen. Wer sind Jay und Jep überhaupt?

Wie bisher schon deutlich gemacht wurde, greift die Party, vor allem weil sie in beiden Fällen nahezu zu Beginn gezeigt wird, die Grundsteine des Plots auf: Haupt- und Nebenfiguren werden eingeführt, Atmosphäre und Erzählstil etabliert und im Prinzip sogar die Motivation für die Feierlichkeiten erwähnt, denn der Ehrengast, für den die Party eigentlich bestimmt ist, fehlt: Daisy (hervorragend interpretiert von Carey Mulligan) und Elisa (Annalusia Capasa). Beide Figuren entpuppen sich letztlich als Leerstelle in den Herzen der Protagonisten, als Inkarnationen unerfüllter Liebe, die sie im Exzess auszufüllen versuchen. Der Unterschied besteht allerdings in der Position der jeweiligen Protagonisten, die sie dazu einnehmen.

Erst im Nachhinein wird klar, wieso Jay sein Heim für derartige moralische Abschweifungen herrichtet: er sendet seiner ehemaligen Liebe Signale. Denn Daisys Villa, die sie mit ihrem Ehemann und notorischen Fremdgänger Tom Buchanan (Joel Edgerton) teilt, befindet sich genau auf der anderen Seite der Bucht. Weiterhin ist Nick, wie auch Catherine, eigentlich nur eingeladen worden, da wir zuvor erfahren haben, dass er mit Daisy verwandt ist. So gesehen ist Jay nur ein Philanthrop in spe, der seinen ärmlichen Verhältnissen in gesellschaftlicher Hinsicht nicht vollständig entwächst. Interessant ist, dass diese wesentliche Information, die nur von Nick reflektiert wird, auch bei Jep im Verborgenen bleibt, da letztlich keiner der Figuren – bis auf Elisas Ehemann, der Jep wenig später von ihrem Tod berichtet – von Elisas Existenz weiß.

Sie ist nur eine Erinnerung seiner Jugend, die immer wieder aufscheint. Gemeint ist jene Nacht, in der er seine Unschuld verlor und sie verließ, um der größte dekadente Philanthrop seiner Zeit zu werden. Die Wiedererweckung dieser schmerzlichen Erinnerung ist notwendig, um seinen nächsten bzw. zweiten Roman zu beginnen. Sein nun stolzes Alter wie auch die Begegnungen mit aktiven Künstlern lassen ihn über seinen ehemaligen Erfolg mit seinem ersten und bisher einzigen Werk Apparat Mensch nachdenken. Das erzählende Ich lässt uns an dieser Erkenntnis teilhaben, die er meist nur mit dem Zuschauer teilt. Recht hat Jep, wenn er sein Privatleben für eine metatextuelle Referenz opfert: Im Grunde ist es nur ein Trick.

Dieser Trick wird in Luhrmanns Interpretation weniger bis gar nicht ausgespielt. Denn eine der wesentlichen Problematiken, die Fitzgerald in seinem Werk immer wieder hervorhebt, ist, dass Gatsby womöglich nur eine reine Projektion Nicks zu sein scheint; ein imaginiertes Ich, das sich eigentlich nach einer gesellschaftlich wie moralisch verwerflichen Liebe zu seiner Cousine sehnt. Damit stellen Fitzgerald wie auch Sorrentino eigentlich den Zwist des künstlerischen Prozesses zwischen Erzähler und Figur bzw. Autor und Werk stärker ins Zentrum, den Luhrmann allerdings nur streift. Seine opulent audiovisuelle Inszenierung verlangt nach einer gängigen Plotstruktur.

Trotzdem greifen beide Filme weit in den Kontext der Gegenwart. Es lebe die Dekadenz!

Wie so oft bei Sorrentino von Kritikern hervorgehoben, ist ihm das Portrait der gehobenen Römer-Oberschicht, oder gar jeglichen westlichen oberen Kaste gelungen; und auch die modernen Pop Beats von Interpreten wie Fergie oder Jay-Z bei Gatsby transportieren das Geschehen in die Jetztzeit, die sich an ihrem eigenen Anblick nicht satt sehen kann. Was wir aus dieser äußerst turbulenten Epoche Ende der 1890er Jahre gelernt haben, ist der schnelle, tiefe und unerbittliche Fall, der auf das euphorisch illusorische Hoch folgt: der Tod.

Bezüglich Jay tritt dieser sogar ein. Er ist und war nie wirklich gewillt sich der Kaste anzupassen, sondern die Rolle als versierter Geschäftsmann lediglich Daisy zu Liebe anzunehmen. Doch da sich Daisy nicht von ihrem Mann lösen will, folgt der soziale wie körperliche Tod. Toms Fehde und Rache an Myrtles Tod, der aus Versehen durch Daisys Hysterie und damit einhergehender schlechter Fahrkunst ausgelöst wurde, Tom jedoch Myrtles (Isla Fisher) Mann Gatsby als Täter nannte, wird Jays Naivität und blinde Liebe ihm letztlich zum Verhängnis. Das ehemalige Zentrum der Exzesse, Gatsbys Pool, wird letztlich zum Tatort ohne Nachforschungen. Anders als Jep. Durch die bewusste Teilnahme an dieser von ihm konsequent dirigierten Mär des gesellschaftlichen Bla Bla Bla – wie er selbst oft betont – und die ständige Präsenz Elisas in seinen Gedanken bleibt seine Existenz gesichert. Sorrentino hätte Jep jene berühmten Worte von Frank Costello (Jack Nicholson) zu Beginn von Departed (Martin Scorsese, USA 2006) in den Mund legen können:


I don’t want to be a product of my environment. I want my environment to be a product of me.


Sorrentino, im Gegensatz zu Luhrmann, schafft es, durch einen durchweg fragmentarischen Erzählstil ein zerstückeltes Ich darzustellen, und dennoch preschen Jay und Jep unablässig auf die reine Ich-Sucht der gegenwärtigen Realität ein. Das Thema der Ich-Sucht bzw. Ich-Suche ist aktueller denn je. Social Media in Form digitaler Bilder, Texte – oder  Blogs – von und über uns selbst sind alltägliche Werkzeuge der Selbsterkundung geworden. Genauso gut hätte man auf beiden Partysequenzen die Statisten mit Smartphones ausstatten können.

So gesehen ist die Party im Film eine verfilmte Allegorie des Medialen. Ob nun Jay, Jep, Gatsby, oder Gambardella: das Adjektiv „groß“ macht mehr als nur einmal deutlich, dass es sich, gemäß der (hoffentlich bald auslaufenden) Postmoderne, um eine undefinierbare Größe von Bedeutungen handelt. Schön sind sie beide.

Kampflos ergebe ich mich meinen interpretatorischen Sackgassen. Mir wird bewusst, dass das Aufflackern und wieder Auslöschen jeder aus der mehrfachen Sichtung zusammengekleisterten Bedeutung gerade in Partyszenen nichtig erscheint; und erkenne, dass das Medium Film gerade dort seiner selbst am ehesten gerecht wird. Es will im Moment erlebt werden. Meine objektive Stimme versagt.

Doch ich vernehme eine Stimme. Jemand ruft nach mir. In der Ecke sitzend, umrundet und doch ignoriert von zahlreichen Gästen, meine ich die Silhouette von R. zu erkennen. Ich sehe ihm dabei zu, wie er langsam das Wasser über den Zucker seines Absinth-Glases tröpfelt. Milchig trüb. Ich stelle mich darauf ein, dass er mir, wie gewohnt, einen wutentladenen Kommentar entgegenwirft. Und überlege, ob Ich nicht mehr nur ein Anderer, sondern mittlerweile Viele ist.

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