… ein philologischer Liebesbrief!

 

Lieber Walter,

du kennst ja das Sprichwort: Gut Ding will Weile haben – und da du das Rankenhafte sprichwörtlicher Sentenzen magst, habe ich diesen barocken Einstieg gewählt. Endlich habe ich die Zeit gefunden, über mein großes Erlebnis zu sprechen: die Konferenz der Internationalen Walter Benjamin Gesellschaft, die im Dezember 2015 in Tel-Aviv und in Jerusalem stattfand.

Ja, du hast richtig verstanden: „International“. Damals wollte man dich noch nicht einmal in Deutschland anhören. Man verwehrte dir deinen „Professorentaler“, und nun gibt es sogar in Buenos Aires einen Walter Benjamin Lehrstuhl und eine  Internationale Gesellschaft, die dein Werk wie den Heiligen Gral in Ehren hält und tradiert. Ja, auch hier hast du dich nicht verlesen: „tradiert“, nicht „tradierbar“ macht. Für mich als wilde, junge Philologin war die Teilnahme an einer Walter Benjamin Konferenz in Isreal veranstaltet von der Walter Benjamin Gesellschaft eine große Ehre. Endlich würde ich die großen Namen aus der Forschung kennenlernen, die deine Texte wie ihre Westentasche kennen. Ich würde all die großen Namen im Programmheft erblicken und zu ihren Vorträgen gehen. Ja, auch hier hast du richtig gelesen; ich benutze nicht von ungefähr die Möglichkeitsform.

Ich kam mit großen Erwartungen in dieses fremde Land. Das Interesse an den beiden Städten war größer als das Interesse, jedem einzelnen Beitrag beizuwohnen. Auf der Konferenz sollte es um Räume und Räumlichkeiten gehen, also habe ich kurzer Hand ein Selbstexperiment unternommen: Ich wurde zum Flaneur in Tel-Aviv und Jerusalem, wenn man überhaupt noch ein „wahrhaftiger“ Flaneur im Zeitalter der Globalisierung sein kann. Passend also zu meinem eigenen Vortrag über dich und dein argentinisches Pendant, Jorge Luis Borges, wollte ich wissen, wie man urbane Räume heute wahrnimmt. Ich habe mich daher als „Flaneur“ unter die Leute gemischt.

auraZunächst also Tel-Aviv! Diese scheinbare Kopie von Berlin. Die technische Reproduzierbarkeit ist nicht nur in die Künste vorgedrungen, sie beherrscht vielmehr die Mode, den Lifestyle, die Musik- und Nachtkultur. Es wird sogar für Marken geworben, die mit Berlin als ihrem Lifestyle-Entstehungsort werben. Doch auch das ist nur Fake: die Marken werden in Israel produziert und tragen den Städtenamen eben als ihren MarkenNAMEN. Das Produkt wirbt mit der Ausstrahlungskraft einer urbanen Ferne, die bis an die Küsten Nordafrikas und des Nahenostens ihren symbolischen Wert ausstrahlt, der da lautet: Ich bin hip.

Der Hipster-Kult in Tel-Aviv: Aus Gesprächen in den kleinen Bars, an der Ecke und den Restaurants erfuhr ich, dass viele junge Menschen zwischen Berlin und Tel-Aviv pendeln. In den Clubs spielen Berliner DJs, in Berlin DJs aus Tel-Aviv. An der Klagemauer in Jerusalem, als wir durchsucht worden sind, antwortete ich auf die Frage, woher ich komme: aus Berlin. Kaum habe ich das magische Zauberwort ausgesprochen, blitzten die leuchtenden Augen des Security auf und er erwiderte: Wow, that’s cool, do you know „Berghain“? Clubkultur verbindet eben.

Eines der wenigen Dinge, die nicht kopierbar sind, ist die Esskultur: der Palast leiblicher Genüsse und Gaumenfreuden. Hier hab ich mich beim Kosten der verschiedenen Gerichte am Hafen von Tel-Aviv am wohlsten gefühlt, weil es nicht den bitteren Nachgeschmack von „Fälschung“ hatte.

Jerusalem, die geteilte Stadt mit zwei religiösen Kontinenten, erschien hingegen in diesen Tagen kurz vor Weihnachten als Festung: keine Menschen auf den Straßen, leere Geschäfte und der Hinweis für Touristen: Steigen Sie nicht hier aus, hier werden Sie erstochen!

Wir befanden uns natürlich an dem sichersten Ort in dieser Stadt: auf der weißen erhöhten Burg mit ihren Tempelbergintellektuellen – der akademischen Welt. Ein wahrhaftiges Denkmal der Wissenschaften und des Wissens. Der Blick vom Balkon auf die Grenze zwischen den beiden Welten – und schließlich der Knall, die Explosionen, der Rauch als „Anzeichen“ von Ereignissen, die uns sicherlich nicht unberührt ließen, aber dennoch weit von uns entfernt schienen.

Die akademische Burg war wie das Medium Fern-Sehen: Wir sehen in die Ferne mit einem Schleier der akademischen Erhabenheit und unter uns an den Hängen des Tempelbergs rankt das arabische Viertel empor: verwahrlost, arm, heruntergekommen. Ein bizarres Bild akademischer Dekadenz. Wir waren eben nicht da, um die Welt zu retten, wir sind gekommen, um Vorträge über „Walter Benjamin“ zu halten oder ihnen zu zuhören.

Lieber Walter, du warst der Star der Vorstellung und nicht die Räume, in denen wir uns bewegen. Wir wollten wissenschaftlich über dich sprechen, deswegen blieben subjektive Erfahrungsspielräume außen vor. Eine Woche lang warst du der Mittelpunkt der akademischen Aufmerksamkeit. Doch nichtsdestotrotz muss ich dir gestehen, dass sich oft genug der Wissenschaftler selbst so in den Vordergund der Aufmerksamkeit gedrängt hat, dass er dich überblendet hat. Du kennst den Effekt sicherlich. Bis zu einem gewissen Grad hast du es selbst praktiziert. Du solltest dich nur an deine Habilitatsschrift erinnern, wie du die Forschungsliteratur in den Hintergrund drängst, um dich selbst in einem stärkeren Licht zu profilieren.

Daran ist nichts Verwerfliches auszusetzen. Das ist eben Distinktionslogik. Wir wissen ja beide – und spätestens mit unserem soziologischen Freund Pierre Bourdieu –, dass das akademische Geschäft das Distinktionsspiel der Theorien braucht, um den Wert des Ideen-Kapitals zu bemessen. Einige von diesen Distinktions-Jägern haben sich auf dekonstruktivistische Höhen begeben, an die du nicht einmal in deinen kühnsten Träumen gedacht hättest.

Du wirst dich sicherlich fragen, was „dekonstruktivistisch“ heißt? Frag mich lieber nicht. In einem persönlichen Brief sollte man nicht über solche banausischen Dinge sprechen. Aber, um vielleicht eine kleine Andeutung machen zu dürfen: es handelt sich hierbei um eine Selbstimmunisierung der Sprache durch eine Theorie der Schrift, die denkt, sie stehe außerhalb jeglicher Ideologie.

Mit der Sprache ihren „Unfug“ treiben, damit sie aus dem „Gefüge“ ihrer Zeichen entlassen wird und schließlich als „Fug und Trug“ zwischen Ding und Wort einherschreiten kann usw. usw. usw….lass uns zusammen einstimmen in das „BlaBla Lied“ geisteswissenschaftlicher Hermetikprosa. Oder lieber doch nicht. Lassen wir dieses semantische Wortgeklingel. Ein nationalsozialistischer Philosoph – du kennst ihn gut – hat dies als philosophische Sondersprache etabliert, um über das Leben des Menschen – also etwas zu tiefst anthropologisches – unantrhopologoisch zu sprechen. Un-menschlich war nicht nur seine Sprache, in seiner Sprache spiegelt sich der Nicht-Mensch wider.

Aber lassen wir das Gerede über das akademische Feld. Anbei findest du eine kleine Fotogalerie, damit du dir ein Bild von meiner Reise und den Städten machen kannst.

Wir treffen uns in meinen Lektüren, im Archiv zwischen den Fragmenten und hinter der Bücherwand!

Deine,

Patricia

 

P.S. Hier findest du übrigens einen Bericht über jene Tagung, die zeitgleich mit derjenigen in Israel stattfand: „Benjamin in Ramallah“…..


Fotogalerie

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