Popular Science Writing made in Germany?


Die populärwissenschaftlichen Bilder über das physiologische Innenleben des Menschen, die der deutsch-jüdische Mediziner Fritz Kahn für seine mehrbändige Ausgabe über „Das Leben des Menschen“ in Auftrag gegeben hat, sind unvergesslich und viral. Es gibt kaum jemanden der das Poster vom Menschen als Industriepalast nicht kennt. Kahns Arbeit als praktizierender Arzt verlief dabei immer parallel zu seiner wissenschaftsjournalistischen und literarischen Textproduktion, während er gleichzeitig unterschiedliche geologische und archäologische Forschungsreisen unternahm bis er schließlich zunächst 1941 in die USA imigrierte (Debschitz/Debschitz 2009). Durch die Verknüpfung unterschiedlichster Denkströme wie ostasiatischer Philosophie und westlicher Naturwissenschaft erschuf er ein ehrfurchtsvolles, monistisches Naturverständnis, in dem der Mensch mit einer medizinischen Rüstungsindustrie und Hormonalhygiene therapiert werden musste. Dem Beruf des Mediziners selbst stand er jedoch eher distanziert und selbstkritisch gegenüber. Angeprangert wurde besonders die Entpersönlichung des Medizinerberufs hervorgerufen durch das Auseinanderdriften der unterschiedlichen Subdisziplinen.

Kahn wandte sich daher schon sehr früh kulturhistorischen Studien zu, die er mit seinem medizinischen Spezialwissen verband. Sein Ziel war es, als letzter Universalgelehrter das Wissenschaftsbild des 20. Jahrhunderts mitzuprägen. Um dies zu erreichen, etablierte er sich als verlagspolitische Agentur. Fritz Kahn hat für diese Aufgabe eine eigene professionelle Methode entwickelt, die in Deutschland zur selben Zeit auch von dem Ingenieur, Wissenschaftsjournalisten und Science-Fiction Autor Hans Dominik initiiert worden ist (Hrachowy 2010).

Kahn hat sich die Stärken eines boomenden internationalen Buchmarktes zu Nutze gemacht und in einer Person verschiedene Rollen der Textproduktion integriert, indem er sie durch eine strategische Arbeitsteilung effektiv vervielfältigt hat. Das populärwissenschaftliche Projekt konnte nur dann eine schnelle Verbreitung und Reproduktion finden, wenn durch eine Kollektivautorschaft die Bildproduktion in einer Bildwerkstatt gebündelt, systematisch aufgeteilt und damit beschleunigt wird. Er vereinte gleich mehrere kreative Werkstattarbeiter unter sich und fungierte damit als Schnittstelle verschiedener Text- und Bildproduktionsprozesse, denen er seine Signatur als Stempel mit den Initialien F.K. aufgedrückt hat. Sein Autorname wurde zu einem Markennamen für ein bestimmtes industriell gefertiges Produkt (Borck 2007, 508). Fritz Kahns biographische Transformation vom praktizierenden Arzt zur verlagspolitischen Agentur sowie die Übersetzungen seiner Bücher in zahlreiche Fremdsprachen, nicht nur im europäischen, sondern auch im asiatischen Sprachraum, machten es möglich, dass sein Gesamtwerk heute eine internationale Rezeptionsgeschichte aufweist (ebd., 502f.).

 


„Das Leben des Menschen“, oder: Vom Unterrichten des Volkes


Fritz Kahn’s Das Leben des Menschen. Eine volkstümliche Anatomie, Biologie, Physiologie und Entwicklungsgeschichte des Menschen (1922-1930) stellt mehr als nur ein naturwissenschaftliches Sachbuch dar. Es ist ein Archiv populärer Wissenskultur. Sein konstruiertes Weltbild entspricht einer Fusion von Natur und Technik zu einer „Lebensmaschine“, die sich im menschlichen Körper manifestiert und diesen in die post-industrielle Moderne trägt. Das beigelegte Poster Der Mensch als Industriepalast stellt hierbei das Programm des Werkes dar. Die ingesamt 5 Bände haben einen zyklischen Aufbau und sind kosmologisch-anthropozentrisch angeordnet: der Mensch steht im Mittelpunkt der biologischen Welt – von der kleinsten Mikrobe bis zum Sternenstaub der Astronomen. Die Bände gliedern sich wie folgt: Physik und Chemie des Lebens (Band 1), Organe des Bindegewebes, das Knochensystem, die Muskulatur und das Blutsystem (Band 2), allgemeine Eingeweidelehre (Band 3), Nervensystem, die Haut und die Sinnerorgane (Band 4), Physiologie des Auges, die Geschlechtsorgane und Altern und Sterben (Band 5).

Kahn liebt das Erzählen und er liebt das Hantieren mit Wörtern, Fabeln, Sprichwörtern und technischen Begriffen. Die unterschiedlichen Bedeutungen gleiten ineinander über. Es gibt nichts, das einem Halt gibt. Wozu denn auch, wir wollen sehen, wer wir sind, wie wir gemacht sind und, aus was die Welt besteht. Die Mensch-Maschine-Analogie steht hierbei eindeutig im Mittelpunkt: der Industriepalast – das sind Wir. Doch Bilder funktionieren intuitiv, schon fast unvermittelt. So auch das einprägsame Bild des Industriepalastes. Die berühmte französische Zeichentrickserie „Es war einmal….das Leben“ (1986) hat hier sicherlich seine Inspirationsquelle gesucht. Bei Kahn wird der Vergleich zwischen Mensch und Maschine immer wieder gezogen oder aber die Vergleiche mit Dingen und Geräten aus den neuesten technologischen Entwicklungen. Das Buch ist ein Fundus für die Mensch-Maschine-Schnittstelle, die über die Verbindung von Text und Bild in ein Verhältnis zueinander gesetzt werden: der Text erläutert, was das Bild zeigt; das Bild wiederum illustriert, was der Text meint.

 


Bilder sprechen, Texte schweigen?


 

Entstehungsgeschichtlich steht Kahns Hauptwerk noch ganz im Zeichen der Wissenspopularisierung des 19. Jahrhunderts und wird bereits verlagspolitisch durch die Gesellschaft der Naturfreunde und die Franckh’sche Verlagshandlung in diesen historischen Kontext eingeschrieben. Dieser wirkt gleichsam wie ein stilistisches Korsett, aus dem Kahn seinen eigenen Schreibstil nicht befreien kann. Die deutsche „belehrende Wissenschaftsprosa“ (Helmholtz) scheint ihm wohl noch zu sehr in den Knochen zu sitzen, als dass er sich von ihrem rhetorischen Überbau und intellektuellem Bildungsauftrag befreien könnte. Vielmehr schreibt sich Kahn mit seinem Werk genau in diese Diskursgeschichte der Populärwissenschaft ein. Er will bewusst einen Schreibstil schaffen, der zwischen dem akademischen Stil und dem belehrend-unterhaltenden Plauderton eine dritte Stilvariante einführt. Sein Werk ist folgendem Selbstauftrag unterstellt:

„[der] Gesamtdarstellung unseres Wissens vom Menschenleib und Menschenleben, die, allgemeinverständlich im Stil, vollständigim Stoff, den Naturfreund über alles unterrichten will, was er vom Menschen zu wissen wünschen kann und zu wissen vermag“ (Kahn 1922, Bd. 1, 1).

Daher will er sowohl auf „alle billigen Mittel, die Gunst des Lesers leichthin zu gewinnen“ verzichten, als auch auf die „beliebte Methode, auf Kosten des Verständnisses nur das ‚Interessante‘ zu bringen“. Stattdessen strebt er eine lückenlose Folge von Grundproblemen der Lebenskunde an, die zu den höchsten Äußerungen des Geisteslebens führt.

Damit steht Kahns Prosa diametral den Vorstellungen des angloamerikanischen Popular Science Writing gegenüber. Neben der Rücksicht auf sein Lesepublikum und der konkreten Vorstellung seines Bedürfnisses gibt z.B. einer der frühen Theoretiker des Popular Science Writing J.B.S. Haldane vor, in der Wahl des Vermittlungsgegenstandes sehr selektiv vorzugehen und sich auf einige wenige Aspekte zu konzentrieren. Ziel solle es sein, den Leser nicht mit intellektuellem Balast zu überfrachten, sondern lediglich eine „coherent story“ zu gestalten, die vom Bekannten („known facts“) zum Unbekannten („unfamiliar facts of science“) und wieder zurück läuft (Haldane 1946: „How to write a popular science article“). Die Erarbeitung eines eigenen populären Schreibstils führe dadurch unmittelbar zu einer Selbstschulung in der Reflexion der eigenen Wissensbestände.

Kahns Schreibstil folgt größtenteils immer noch der „Diskreptionspoetik“ des 19. Jahrhunderts, die Robert Matthias Erdbeer anhand der Texte von Alexander von Humboldt, Ernst Haeckel und Theodor Fechner analysiert und literaturwissenschaftlich beschreibbar gemacht hat (Erdbeer 2010). Diese erscheint auf der Textoberfläche in erster Linie als eine homogenisierende Diktion verknüpft mit einer ästhetischen Behandlung des Faktenmaterials durch Zusammenführung von literarischen und wissenschaftlichen Diskursen. Auf diese Weise entstehe eine „postromantische, wissenschaftlich informierte Esoterik“ (Erdbeere 2010, 17). Übersetzt aus der überspitzt literaturwissenschaftlichen Fachsprache in die Sprache, in der wir uns wohlfühlen: er schreibt wie ein Science-Fiction-Autor – nur schlechter!

Auf Fritz Kahns Prosa angewandt würde das bedeuten, dass er zwar seine Leser vom Esoterischen ins Exoterische führe, dies wird jedoch mit einer paradoxen Grundstruktur zwischen wissenschaftlichem Gegenstand und schwammiger Bedeutungszuweisung erreicht. Erdbeer bezeichnet dies als „Wissenselegie“, die eine Funktion der ästhetischen Erbauung erzielen will (ebd., 83). Fritz Kahn will ebenfalls seine Leser erbauen. Bildung muss für ihn einen ästhetischen Genuss erzielen, sonst hat sie keinen Sinn.

Also muss zunächst das Faktenmaterial reduziert werden, ebenso werden mathematische Formeln – das Zahlenchaos schlechthin für denjenigen, der nicht gerade Physik- oder Mathematikstudent ist – harmonisch-kosmisch abgerundet. Die Physik des Lebens wird beispielsweise über die Ozean- und Musikmetaphorik erklärt und in eine lebendige Philosophie des Werdes und Vergehens verwandelt. Der Bildempfänger (Licht, Wärme) und der Bildspender (Ozean, Musik) verwandelt die Welt des Lesers in eine sphärische Musik, damit die Materie, die ihn umgibt, wahrhaftig erfühlt werden kann. Der sichtbare Wellenschlag des Äthermeeres wird in Musik verwandelt: der Leser hört das Universum musizieren.

Es ist der Text, der durch die teils realistische, teils surrealistische Bildkomposition dazu animiert, sich selbst im Bild zu übertreffen. Die visuelle Selbsteuphorisierung führt den Schreibenden nicht nur zu den narrativen Metaphern, es entsteht vielmehr eine innere Unruhe zwischen Bild und Text. Erdbeer charakterisiert diesen Prozess als „semantische Unruhe“ zwischen dem piktoralem und literalen Signifikanten, die sich gegenseitig dazu motivieren, sich selbst als bedeutungstragendes und bedeutungsgenerierendes Medium zu übertreffen. Bild und Text treten so in ein hermeneutisches Explikationsverhältnis zueinander, sodass es zu einer Gestaltung eines „medientransgressiven Zeichentypus“ kommt, in dem Wort und Zahl im Bild zusammenschießen (Erdbeere 2010, 282).

In unsere Wohlfühl-Sprache übersetzt: das, was über das visuelle Medium wahrnehmen, kämpft mit dem, was wir über das Geschriebene wahrnehmen. Zwei Wahrnehmungsebenen treffen aufeinander und konkurrieren um einen Platz im Gedächtnis des Lesers. Bei Fritz Kahn kommt es jedoch nicht dazu, dass beide Medien sich erhellen und gegenseitig erklären: Fritz Kahn will mit seinen Erzählungen berauschen!

 


Die Euphorie des Visuellen: Der Blick in den Darm


Fritz Kahn’s Sprachbildern ist eine eben solche Visualisierungstrategie eingeschrieben, die sich weder auf eine rein illustrative Funkion des zu vermittelnden naturwissenschaftlichen Wissens, noch auf eine rein ästhetisch-genießende Betrachtung des Dargestellten reduzieren lässt. In welchem Verhältnis steht das Beziehungsgeflecht aus sprachlichen und visuellen Reizen zu der Rezeptionsleistung des Lesers? Wird der Leser nicht sogar überfordert? Um diese Frage zu beantworten, tauchen wir unter – in die tiefsten Tiefen des menschlichen Kots!

Das Werk umfasst mit über 169 Abbildungen und 20 ganzseitigen Tafeln ein Unmenge an Bildmaterial collagenartig zusammengestellt aus Photographien, schematischen Skizzen und illstrativen Zeichnungen aus der neuen Werbeästhetik der Produktgestaltung bis hinzu statistischen Auswertungen, Graphiken und Diagrammen.

Selbst der taktile Sinn wird vom Leser angesprochen, indem ein herausnehmbares Poster mit dem Titel Der Mensch als Industriepalast für das private Interieur des Jugendzimmers der 1930er Jahre bereitsgestellt wird. Die Ideologien des Popularisators sollen nunmehr zum Weltbild einer neuen Jugendkultur werden, die dem technologischen Fortschritt nicht mehr kritisch gegenübersteht, sondern gerade in den technologischen Errungenschaften die menschliche Fähigkeit, die die neuen Technologien überhaupt erst möglich macht, glorifiziert.

In dieser Bildästhetik werden nicht nur abstrakte und realistische Elemente miteinander kombiniert, es werden auch ältere Techniken der mikroskopischen Photographien von Organismen verwendet, die bereits der deutsche Biologe Ernst Haeckel in seinen Büchern einsetzte, um den ästhetischen Genuss der Wahrnehmung natürlicher Objekte zu steigern. Diese postromantischen Bildkompositionen und ihre ästhetische Erfahrung des Erhabenen werden jedoch bei Kahn stark konterkariert. So werden beispielsweise Mikroorganismen im menschlichen Kot durch plastische Zeichnungen in einem Kreisdiagramm geordnet darstellt und biochemisch etikettiert, während der Text die Ausscheidungsprozesse des menschlichen Körpers vom ästhetisch Häßlichen ins ästhetisch Erhabene pervertiert:

Die Salonseele, die ihre Geistesnahrung aus Luxusbänden erliest, mag sich naserümpfend wenden; für den Weltbetrachter, für den es, sei es gut oder böse, schön oder häßlich, nur Phänomene, Offenbarungen eines großen Weltwunders gibt, eines so betrachtungs- und gedankenwürdig wie das andere, für ihn ist es ein feierliches Erlebnis, in der Auschwemmung eines Krümchens Kot zwischen den Pentagrammen und Arabesken der unverdauten Zelluloseschalen, zwischen den Perlketten und Armbändern der Siebröhren und Bastfäden, zwischen den Seidensträhnen der elastischen Fasern und den Schwertern der Fettsäurekristalle Tausende und Hunderttausende von Lebewesen der verschiedensten Formen wimmeln zu sehen, sich schlängeln und pendeln, rollen und kreisen, eine ganze Welt, die hier geboren wird, aufwächst, lebt, sich fortpflanzt, mehrt und untergeht, deren Dasein wie das unsere zwischen den Sternen des Himmels sich zwischen den Glitzerkristallen an den Wänden einer Ammoniak-triefenden Dunggrube abspielt, eine Welt von Wesen, die bei allem Reichtum nicht ahnt und nicht ahnen kann, das wir sie von oben herab mit unseren Mikroskop-Okularen belugen, daß die Ammoniakkristalle, die für sie die Sterne ihres Firmaments, das Ende ihrer Welt sind, neue Welten von ihnen trennen, ganz andere, vielmals größere Welten, ja erst die Welt überhaupt, oder, seien wir angesichts der Bazillen bescheiden, unsere Welt, die Welt der Blumen, Bäume, Vögel, die Welt der Menschen und Meschenschicksale, der Weltgeschichte und der Moralgesetze, der Sterne und der Milchstraßennebel, die wieder unsere Grenzen sind – Ammoniakkristalle an den Wänden zu neuen Welten … wer wüßte es zu sagen, wer könnte wagen, ja! Und wer, nein! Zur rufen? In dieser Welt, in der jegliches, das in Erscheinung tritt, Kristall, Bazillus, Mensch und Stern, im Weltall eng begrenzt und kurz von Dauer ist, das Universum selber aber ewig in der Zeit und grenzenlos in seinen Dimensionen und in dem nichts, aber auch gar nichts dagegen spricht, daß die Milchstraßensterne an der blauen Himmelswand unserer Welt Kristallenwände sind zwischen ihr und neuen Welten, die für uns so unfaßlich und daher so wenig existent sind wie wir und unsere Menschenwelt für die Bakterien, die in einem Krümchen Kot zwischen den Ammoniakkristallen einer Dunggrube als den Sternen ihrer Welt ihr Dasein durchleben.“ (Kahn, Das Leben des Menschen, Bd. 3, 161f.)

Bei der Darstellung der Bedeutung des menschlichen Kots für die Medizin wirbt Kahn dafür, einmal selbst zum Inspektor seiner eigenen Fikalien zu werden: Sich in die Mikroorganismen des Verdauungstraktes kontemplativ zu versenken, bedeutet das Band zwischen Mikro- und Makrokosmos, das die Welt im Innersten zusammenhält, zu entdecken. Diese strategische Vernetzung von Text-Bild-Komponenten wird durch den nebenordnenden, ununterbrochenen Satzbau klimatisch bis zur äußersten Euphorie gesteigert. Der beobachtend-beschreibende Erzähler scheint sich kaum noch dessen bewusst zu sein, dass ihn die Sätze überholen, mehr noch, sie sprengen die Bildordnung des Kreisdiagramms und irritieren den Sinnhorizont des aufnehmenden Leserauges. Hier sind es die sprachlichen Zeichen, die eine semantische Unruhe und damit eine Unordnung in das Text-Bild-Verhältnis bringen. Die Aufgabe des Popularisators als Übersetzer naturwissenschaftlichen Wissens wird nicht nur überschritten, weil es den Verständnishorizont seiner Rezipienten übersteigt, sondern vor allem weil es in diesem Fall nur einem Selbstzweck dient: einer Übung in rhetorischer Überzeugungskraft!

 


Der Popularisator als Kritiker?


Kahn ist sich als populärwissenschaftlicher Akteur seiner gesellschaftlichen Aufgaben bewusst: sowohl als Kultur- als auch als Wissenschaftskritiker. Als Kulturkritiker unterhält er eine sehr zwiegespaltene Position zum Kulturmenschen, der sich gleichsam am Leben versündigt. Das nietzscheanische Bild des „dressierten Europäers“ (Kahn, Das Leben des Menschen, Bd. 4, S. 330) bleibt auch bei Kahn präsent und mündet schließlich in einer Zivilisationskritik, die jedoch durch seine Technikeuphorie konterkariert wird. Es gibt eine Ko-Evolution zwischen Natur/Kultur/Technik, die zugleich „Triumph und Tragik des menschlichen Fortschritts“ darstellt (Kahn, Das Leben des Menschen., Bd. 4, S. 206). Daher wird der gesamte Text durch die Mensch-Maschine-Analogie getragen, jedoch in umgekehrter Richtung, wie Borck zu Recht bemerkt:

Instead of ‘organizing’ alien technology by recourse to the body, the image familiarized the body’s alien organic inside by recourse to common gadgetry, as if a form of techno-literacy would bear the potential to re-connect with the body’s machinery in new ways. (Borck 2007, S. 512)

Metaphern spielen innerhalb und außerhalb der naturwissenschaftlichen Disziplinen eine entscheidende Rolle. Die interne und externe Wissenschaftskommunikation kommt ohne ihre vermittelnde und theoriekonstitutive Funktion nicht aus. Für Normal-Sterbliche: Wissenschaftler verwenden mehr Metaphern als ihnen eigentlich lieb wäre, um über etwas zu sprechen, was sie selbst nicht verstehen!

Allerdings gibt es unterschiedliche Funktionsweisen. Der Wissenschaftshistoriker James Bono hat die Unterscheidung der ‚intra- und extrascientific metaphor‘ eingeführt. Nur die ‚intrascientific metaphor‘ wirke theorie-konstituierend und diskursstablisierend, während letztere einen diskurs-destablisierenden Effekt auf den wissenschaftlichen Diskurs habe (Bono 1995, 123f.). Ich würde eher sagen: Alle Metaphern in der Wissenschaft werden früher oder später zum Verhängnis der Wissenschaft. Sprache ist politisch, parteiisch, unkontrollierbar. Den Traum von der neutralen Wissenschaftssprache gibt es nicht – aber lassen wir die Wissenschaftler weiter träumen.

Im Fall von Fritz Kahns populärer Wissenschaftsprosa kann man festhalten: er träumt seinen populärwissenschaftlichen Traum von der Allgemeinverständlichkeit der Wissenschaft. Ein schöner Traum, der zum Alptraum werden kann. Das metaphorische Spiel mit dem Kot zeigt, dass seine Bilder nichts anderes wollen, als mit dem Leser zu spielen. Seine Rolle als Kritiker soll dieses Spiel kontrollieren. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, simuliert er eine externe Beobachterperspektive eines Bewohners eines anderen Planeten, der einen neutralen Raum der Selbstreflexion schaffen soll (Kahn, Das Leben des Menschen, Bd. 4, 330f.). Das Ziel dieses narrativen Gedankenexperiments ist es, die nihilistische Zuspitzung der Kritik abzuwehren.

Besondere Kritikpunkte betreffen die Veränderungen in der Arbeitswelt sowie das Erziehungssystem, das zu einer Unterdrückung der plastischen Lebenskraft der Kinder führe. Er präferiert daher die Einführung einer regelrechten Lebenskunst im pädagogischen Programm der Schulen (Bd. 5, 233). Auch stelle die Urbanisierungskrankheit, die Neurasthenie, keine geistige Verfallserscheinung des Kulturmenschen dar, sondern könne bekämpft werden, wenn man das „ich muß“ über das „ich kann“ stelle. Das Regelwissen lautet: „In Zeiten des Kampfes aber kann der Mensch nur glücklich sein durch Kampf“ (Kahn, Das Leben des Menschen, Bd.4, 49.).

Im „Epilog über das Wesen der Wissenschaft“ (Bd. 1, 124ff.) permutiert Kahn schließlich zum Wissenschaftsskeptiker. Die wissenschaftlichen Wahrheiten als mathematische Formeln würden die Welt nicht entzaubern, sondern gerade sich selbst jene Grenzen aufzeigen, die vor dem Unerforschbaren zurückweichen. Daher bleibt er besonders gegenüber der Entwicklung der modernen Biologie als Life Science skeptisch (Bd. 1, 138).

Doch auch hier bleibt Kahn nicht konsequent. In seinen metaphorischen Umschreibungen biochemischer Prozesse verwendet er die Metapher: „Jedes Geschöpf eine fleischgewordene mathematische Formel“ (Bd. 1, 225). Die Kritik verkümmert im Epilog, während der populäre Schreibstil des Haupttextes an der wissenschaftlichen Wahrheit festhält.

Die Popularisierung von Wissen kann –muss aber nicht – in eine Wissenschaftskritik münden. Populärwissenschaft ist oft selbstreflexiv im Hinblick auf die Wissenschaftssprache als auch selbstreferentiell in Bezug auf das System der Wissenschaft. Sie kann eine Form der Überwachungsinstanz höherer Ordnung sein, die naturwissenschaftliches Wissen überhaupt erzählbar macht. Fritz Kahn hat die Relativierung der naturwissenschaftlichen Allmacht erkannt. Daher plädiert er auch für ein Nebeneinander von Religion, Philosophie und Wissenschaft:

Wahre Wissenschaft wirkt auf wahre Religiösität und echte Philosophie nicht tötend, sondern vertiefend. Sie fegt Splitter von ihnen herab – aber nur wie der Schleifstein vom Diamanten, den er von seinen Rauheiten reinigt (Bd.1, 129).

Unterstützt wird dieses Weltbild durch eine kulturgeschichtliche Zitatcollage aus ostasiatischen Lebensweisheiten und literarischen Verweisen. Doch auch hier bleibt festzuhalten: Es bleiben lediglich Erklärungshypothesen zurück, die der Popularisierer des Wissens in eine populär-ästhetische Diskriptionspoetik übersetzt. Die selbstreflexive Funktion des Übersetzers des Wissens vom Leben im Leben bleibt im Textgeschehen selbst implizit, sie wird zu einer unsichtbaren Erzählfunktion in der visuellen Textgestaltung, weil er uns nichts zu lesen gibt, sondern aus uns heraus liest.

Der Textfluss lässt den Rezipienten zum Beobachter des Lebendigen und seiner Selbst werden, während der Erzähler uns beim Lesen stets als Überwachungsinstanz korrigiert, an uns appelliert, uns erzieht und bildet. Was bleibt ist die Simulation einer Leseerfahrung, die den Rezipienten durch ein Feld von Ideologien führt, die durch narrative, destablisierende Metaphern Schritt für Schritt aufgebaut werden. Kahn konstruiert nicht nur seinen eigenen Lesekreis, er indoktriniert ihn, damit der Wissensübersetzer selbst zum Propheten werden kann (Bd. 1, 124f.):

Sage mir, wer du bist, und ich sage dir, was du weißt. Denn dein Wissen ist keine Wahrheit, sondern dein Wissen, das bist du!

 

 

Kleine Bibliographie

Bono, James (1995): Locating Narratives. Science, Metaphor, Communities, and Epistemic Styles, in: Grenzüberschreitungen in der Wissenschaft, hrsg. von P. Weingart, S. 119-151. Baden-Baden.

Borck, C. (2007). Communicating the Modern Body: Fritz Kahn’s Popular Images of Human Physiology as an Industrialized World, Canadian Journal of Communication 2007, Vol. 32 Issue 3/4, p. 495-520.

Burnham, J. C. (1987). How Superstition won and Science Lost. Popularizing Science and Health in the United States. New Brunswick/London.

Debschitz, U. und T. von (2009): Fritz Kahn. MAN MACHINE/Maschine Mensch. Wien.

Diederichs, U. (2010). Annäherungen an das Sachbuch. Zur Geschichte und Definition eines umstrittenen Begriffs, Reihe Arbeitsblätter für die Sachbuchforschung (#18), Berlin/Hildesheim.

Erdbeer, R. M. (2010): Die Signatur des Kosmos. Epistemische Poetik und die Genealogie der Esoterischen Moderne. Tübingen.

Haldane, J.B.S. (1946/1985). How to write a Popular Scientific Article, in: On Being the Right Size and Other Essays, Oxford 1985, 154-160.

Hrachowy, Frank O. (2010): Der Autor als Agentur der Moderne. Hans Dominik und die Transformation populärer Literatur. München.

Kahn, F. (1922-1930). Das Leben des Menschen. Eine volkstümliche Anatomie, Biologie, Physiologie und Entwicklungsgeschichte des Menschen, Band 1-5. Stuttgart.

LaFolette, M. C. (1990). Making Science Our Own. Public Images of Science 1910-1955. Chicago.

McRae, M. W. (1993). The Literature of Science:Perspectives on Popular Scientific Writing.Athens.

Porombka, S. (2005). Regelwissen und Weltwisses für die Jetztzeit. Die Funktionsleistungen der Sachbuchliteratur, Reihe Arbeitsblätter für die Sachbuchforschung (#2) Berlin/Hildesheim.

Sarasin, Philipp (2001): Reizbare Maschinen. Eine Geschichte des Körpers 1765-1914. Frankfurt am Main.