„Die Schutzbefohlenen“ von Elfriede Jelinek im Schauspielhaus Bochum


 

Wann, wenn nicht jetzt! In Zeiten von globalen Krisen, politischen Paradigmenwechseln und tiefgehenden gesellschaftlichen Veränderungen ist die Kunst mehr denn je aufgefordert, Stellung zu beziehen, aufzuklären, kritisch zu wirken, kurzum: ihren Beitrag zu leisten. Dieses Plädoyer für eine engagierte, gesellschaftskritische Literatur teilen zumindest zahlreiche deutsche und europäische Schriftsteller/innen und Intellektuelle. So hat der Autor und Vorsitzende des PEN-Zentrums Deutschland, Josef Haslinger, in einem TV-Interview mit der Kulturzeit die Verleihung des Menschenrechtspreises des amerikanischen PEN-Zentrums an das französische Satireblatt Charlie Hebdo mit der Begründung kritisiert, dieses leiste mit Karikaturen, die von einem Großteil von Menschen muslimischen Glaubens als Beleidigung empfunden werden könnten, keinen gesellschaftlichen Beitrag zur Völkerverständigung.1)Vgl. http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=51368, aufgerufen am 16.05.2016. Siehe dazu auch Haslingers Interview mit der Deutschen Welle: http://www.dw.com/de/haslinger-wir-m%C3%BCssen-die-freiheit-des-wortes-verteidigen-mit-z%C3%A4hnen-und-klauen/a-18949733, aufgerufen am 16.05.2016.

In Zeiten wie diesen bedürfe es einer Kunst, die dem pazifistischen sozialen und kulturellen Miteinander zuträgt, anstatt Zwietracht zu streuen. Um einen solchen Beitrag zur „Verständigung über europäische Identitäten und Lebenswelten“ zu leisten und nach „Alternativen zu rein politischen und medialen Diskursen“2)http://europaeischeschriftstellerkonferenz.eu/about/, aufgerufen am 16.05.2016 zu suchen, haben sich Anfang Mai 2016 30 Schriftstellerinnen und Schriftsteller gemeinsam mit dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier zur Europäischen Schriftstellerkonferenz unter dem Motto „GrenzenNiederSchreiben“ zusammengefunden.

Im kollektiven Manifest bringt der litauische Autor Eugenijus Ališanka die Erwartungen an die Literatur in der Behandlung und Bewältigung der allseits wahrgenommenen Krise zum Ausdruck: „Europa erinnert mich an den Don Quijote der Renaissance. Seine hehren Ziele und Projekte befinden sich oft im Widerstreit mit der rauen Wirklichkeit und sogar mit den Naturgesetzen. Ein wunderbarer Protagonist für die Literatur und ein unerschöpflicher Stoff für einen Schriftsteller – für Europas Sancho Panza.“3)http://europaeischeschriftstellerkonferenz.eu/programm/manifest/, aufgerufen am 16.05.2016

Kritisch und distanziert, aber dennoch resolut dem Prinzip Hoffnung verpflichtet soll die Literatur sein. Allen voran aber müsse sie glauben und den Don Quijotes, den Idealisten und Träumern in Politik, Medien und Alltag im Kampf gegen die Windmühlen zur Seite stehen!


Theaterästhetik ohne Utopien


 

Wer mit dieser Erwartungshaltung, mit der Hoffnung auf Aufklärung und moralischen Aufbau Hermann Schmidt-Rahmers Inszenierung von Elfriede Jelineks Die Schutzbefohlenen/Appendix/Coda/Epilog auf dem Boden im Schauspielhaus Bochum besucht, wird enttäuscht werden. Jelineks literarisches Schaffen zeichnete sich ja immer schon durch eine Negativität, durch die Verweigerung von Utopien und einfachen Lösungen aus und auch die Inszenierung einer schwachen, unsouveränen Autorenstimme ist charakteristisch für Jelineks Theaterästhetik, aber das Eingeständnis der Überforderung und künstlerischen Hilflosigkeit, wie es jetzt in Schmidt-Rahmers Inszenierung zum Tragen kommt, wiegt angesichts der aktuellen Weltlage schwerer als sonst. Es gibt hier kein Anzeichen von Hoffnung, keinen Halt, nein, dieses Mal auch nicht ex negativo. Hier ist nichts negativ dialektisch:

Eine Anschauung ist für mich leider nicht möglich, es sind zu viele geworden. […] Sie sehen schon, es ist einfach furchtbar, was ich mir alles anschauen muß, jeden Tag, und jeden Tag ändere ich meine Anschauung, ich habe mir rechtzeitig Reserve-Anschauungen besorgt, falls die eine, die ältere, überholte, überholt oder gewaschen werden muß. Jetzt schaue ich mit meinen heutigen Augen, ich sehe meine heutigen Ansichten und sage es Ihnen an: Gestern waren die alle noch Menschen. Heute kann ich sie nicht anschauen, von gestern auf heute sind noch Tausende, Zehntausende dazugekommen, und schon beginnt des Unrechts Vorwurf sich zu erheben. […] ich kann diesen Anblick nicht mehr ertragen, ich halte das nicht mehr aus, ich kann gar nicht hinschauen, […]. Und ich flüchte mich schon wieder in meine neueste Anschauung, soll ich nicht besser die andre nehmen, die von gestern? Ich weiß es nicht, es sind einfach zu viele, und es sind zuviele Menschen übrig, die vorher nicht da waren, sie sind nicht möglich. So viele sind uns nicht möglich. Wo sollen die hin, wo kommen die her? […] Wir werden unser Wissen über die Menschen ändern müssen, aber das Wissen sträubt sich. Was es weiß, das will es behalten. Es wird nie mehr sein wie zuvor, allein daß es von diesen Menschen, von diesen Gegenständen weiß, wird einen Unterschied machen, das Bewußtsein wird, fürchte ich, sein Wissen ändern müssen, anders wird es nicht gehn, und dieses Wissen wird auch den Gegenstand selbst verändern, es wird uns alle verändern, bitte, hören Sie mir noch zu, solange ich die bin, die ich bin, […].4)Jelinek, Elfriede: Die Schutzbefohlenen. Appendix. In: http://204.200.212.100/ej/fsbappendix.htm, aufgerufen am 16.05.2016

Die Flüchtlingsproteste in der Wiener Votivkirche 2012 und die humanitären Katastrophen vor der Küste von Lampedusa 2012/2013 nahm Jelinek zum Anlass der Auseinandersetzung mit der europäischen Flüchtlingskrise. Der am 21. September 2013 in Hamburg in einer Lesung vorgestellte und am 23. Mai 2014 in Mannheim uraufgeführte Theatertext Die Schutzbefohlenen sollte jedoch nur den Auftakt für ein Work in Progress darstellen, dessen Ende nicht abzusehen ist. Die Kunst geht weiter, weil die Katastrophe weitergeht. Jelinek arbeitete kontinuierlich an dem Stück und hat es mit den Texten Appendix, Coda, Epilog auf dem Boden und zuletzt Philemon und Baucis immer wieder aktualisiert. Jelineks Live-Kommentar dokumentiert jedoch nicht nur die Entwicklung der Flüchtlingskrise und ihrer medial-diskursiven Vermittlung der letzten drei Jahre, sondern auch die zunehmende Überlastung und Resignation der es doch nur gut meinenden Autorin: „Dieser riesige Raum, diese riesige Menge ist meiner Vorstellung längst entzogen […]. Schon mittags kann alles anders sein, das macht es ja so schwer für die Dichtung, es reicht ja kaum für ein Foto!, es rinnt überall raus, […]. Die damals in der Kirche waren, die dort Kirchenasyl verlangt haben, die sind ja gar nichts mehr, die waren nicht einmal ein Anfang.“5)Ebd.


Ein Urteil ist nur dann gut, wenn es morgen schon von gestern ist!


 

Genau dieser Verunsicherung und Ratlosigkeit räumt Schmidt-Rahmer in seiner Inszenierung einen großen Raum ein und lässt sie im Spiegel der politischen Paradigmenwechsel: der Verrohung des politisch-öffentlichen Klimas und dem Vormarsch eines neoautoritären Denkens als die denkbar schlechteste Option erscheinen, ohne sich jedoch darauf festlegen zu können, worauf man sich festlegen kann. Und das ist ja nicht einmal der Skandal! Der Skandal besteht ja nicht darin, dass die Dichtung nicht auf den Punkt kommt. Das Problem ist, dass die schlechte Unendlichkeit der Dichtung der noch schlechteren Unendlichkeit der Wahrheit entspricht. Jelineks Stück bringt die Verzweiflung eines undogmatischen Denkens zum Ausdruck, dass kein Urteil, keine Anschauung, keine Ideologie der absoluten Komplexität der Wirklichkeit, die sich leider, leider zu keiner absoluten Kontextualität durchringen will, gerecht werden kann. Jedes Bild, jede Eilmeldung, jede gute und nicht so gute Expertenmeinung zwingt zur Reflexion. Reflexion zwingt zur Revision. Ein Urteil ist nur dann gut, wenn es morgen schon von gestern ist.


Angst ist, was nicht täuscht!


Soll das also der ersehnte Beitrag der Kunst zum Status quo sein? Die diffus-unheimliche Einsicht, dass nichts so selbstverständlich ist, wie es einem schien, dass das Sein derzeit das kollektive Bewusstsein an der Nase herumführt? Jelinek/Schmidt-Rahmer beziehen politisch eindeutig Stellung gegen rechtspopulistische Kräfte, mahnen vor einem Abdriften in die Barbarei, aber Alternativen zu Alternativen können und wollen sie nicht formulieren. Moralischer und erzogener verlässt man diese Anstalt auf jeden Fall nicht, und für einen Kampf gegen Windmühlen fühlt man sich ideologisch auch nur bedingt gewappnet. Wo die Reise hingehen soll, wenn sogar der moralische Kompass der Elfriede Jelinek immer wieder ausschlägt, bleibt ungewiss. Von der Kunst kann man zumindest keine Kursvorgaben erwarten. Was nicht bleibt, werden auch die Dichter nicht stiften. Was bleibt, werden wahrscheinlich nicht die Dichter stiften. Die Bochumer Inszenierung der Schutzbefohlenen legt nahe: Nach dem Ende des heroischen Zeitalters der (politischen) Kunst ist nun auch das Ende des Antiheroen Sancho Panza angebrochen. Und vielleicht ist das derzeit auch erst einmal gut so, vielleicht ist das morgen schon wieder anders! Nicht um den Gewinn, sondern um den Verlust kreist Jelineks Stück: den drohenden Verlust der Selbstgewissheit einer intellektuellen Elite. Doch gerade in dieser beunruhigenden Einsicht liegt die beruhigende Weisheit von Schmidt-Rahmers Jelinek-Interpretation: Es gibt noch etwas zu verlieren, um das es sich zu kämpfen lohnt! Dieser Kampf ist keine anti-/heroische Pose, keine narzisstische Glaubensfrage; es geht nicht darum, sich und den anderen etwas zu beweisen, sondern – und warum auch nicht via Kunst – den Zweifel und die Angst in ihrem unmethodischen Ursprung methodisch ernst zu nehmen. Denn, wie wir seit Lacan wissen: Angst ist, was nicht täuscht.

 

FEEI – Falls es Euch interessiert   [ + ]

1. Vgl. http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=51368, aufgerufen am 16.05.2016. Siehe dazu auch Haslingers Interview mit der Deutschen Welle: http://www.dw.com/de/haslinger-wir-m%C3%BCssen-die-freiheit-des-wortes-verteidigen-mit-z%C3%A4hnen-und-klauen/a-18949733, aufgerufen am 16.05.2016.
2. http://europaeischeschriftstellerkonferenz.eu/about/, aufgerufen am 16.05.2016
3. http://europaeischeschriftstellerkonferenz.eu/programm/manifest/, aufgerufen am 16.05.2016
4. Jelinek, Elfriede: Die Schutzbefohlenen. Appendix. In: http://204.200.212.100/ej/fsbappendix.htm, aufgerufen am 16.05.2016
5. Ebd.