Monströse Mutterschaften


Zu Beginn von Roman Polanskis Rosemary’s Baby (1968) ertönt das Schlaflied in der liebevollen Stimme einer werdenden Mutter. Der Plot ist schnell erzählt: Ein Liebespaar, Rosemary und Guy Woodhouse, ziehen aufgrund der Schauspielkarriere des Mannes in die Großstadt (L.A.). Zu Beginn wird eine Kleinfamilienidylle inszeniert: Rosemary, verliebt, niedlich, schon fast kindlich, erträumt sich ein harmonisches Zusammenleben mit ihrem Mann, während dieser narzisstisch und enttäuscht über seine erfolglosen Castings nur auf seine Karriere fokussiert ist. Rosemary hingegen will ihrer Aufgabe als Ehefrau gerecht werden. Das junge Ehepaar freundet sich nach dem plötzlichen Tod einer jungen Mieterin mit einem kinderlosen, älteren Ehepaar an.

An diesem Wendepunkt verbinden sich Elemente des Psychothrillers mit Elementen des okkulten Horrorfilm-Genres. Polanskis Kameraführung und die ambivalente Charakterzeichnungen erschaffen in der Verknüpfung von unterschiedlichen Wissensformationen ein gesellschaftliches Sittenportrait einer amerikanischen Ehe der 1960er Jahre und pervertiert gleichzeitig die metaphysische Ordnung von Gott, Geld und Genen: der Katholizismus Rosemarys konvergiert mit dem Praktiken der abergläubischen Nachbarn, ein kinderloses älteres Paar, das zur Ersatzfamilie wird. Sie halten nichts von organisierter Religion und verlassen sich allein auf die Fruchtbarkeit der Familie. Im weiteren Verlauf des Films bekommt die nachbarschaftliche Ersatzfamilie Züge einer okkulten Sekte: Diskussionen über Kräuter und Fruchtbarkeit verbinden sich mit dem gewöhnlichen Weiberklatsch von Interieur, Geld und häuslicher Wirtschaftlichkeit.

Der Schein der kleinbürgerlichen Triade wird zum zentralen Gesprächsmoment und gleicht einer Indoktrination in das Einleben der Mutterrolle. Rosemary bleibt skeptisch und zurückhaltend. Guy hingegen wirkt zutraulich, besonders als die okkulte Sekte seiner Schauspielkarriere auf die Sprünge hilft. Eine entscheidende Wende tritt ein, als Rosemary einen Anhänger geschenkt bekommt, der eine Taniswurzel enthält. Ein Erbstück der verstorbenen Nachbarin. In der Kulturgeschichte der Pharmazeutika wird diese Wurzel, auch Mönchs- und Hexenpfeffer genannt, als Mittel für Keuschheit beim Mann eingesetzt und kann bis zu sexueller Unlust und Impotenz führen. Beim weiblichen Körper soll sie die hormonelle Fruchtbarkeit erhöhen. Doch der weibliche Körper wird zusätzlich mit anderer Nahrung zum empfangenden Körper umfunktioniert: Fleisch, Schokoladendesserts, Wodka werden mit diversen Mitteln der Nachbarin – Hexe und Hebamme zugleich – verfeinert. Doch der manipulierte Körper reagiert negativ auf die Diät und wird als giftig wahrgenommen: das Gift äußert sich im Schwindel.

Das Ernährungsdispositiv der Noch-Nicht-Schwangeren wirkt hierbei bereits vorbereitend auf den Akt der Zeugung selbst, den Polanski gleichsam satanisch-katholizistisch inszeniert: der Zeugungsvorgang selbst wird zwar in Form eines romantischen Beischlafs inszeniert, doch im Traum des empfangenden weiblichen Körpers manifestiert sich bereits die Ankunft, die Empfängnis, von etwas Monströsem. Der eheliche Beischlaf von Ehemann und Ehefrau wird im schlafenden Unbewussten der Frau als ein Akt der Vergewaltigung wahrgenommen. Die Traumszene beginnt am Hafen auf einem Schiff, das sich wenig später auf hoher See befindet und schließlich in der sixtinischen Kapelle des Vatikans endet; diese Szene verbindet sich mit Klinikszenarien und einem Biss von einer Maus1)In der europäischen Volkstümlichkeit ist die Maus sexuell und erotisch konnotiert, gleichzeitig ist sie auch Warnsignal für übermäßigen Verzehr und das Schwinden und der Abbau von Lebenskräften. Sie sagt häusliche Schwierigkeiten und unehrliches Verhalten von Freunden voraus. Träumt eine Frau von einer Maus, droht ihr ein raffinierter, verräterischer Feind. Darüberhinaus ist sie Sinnbild der starken Vermehrung und der Gefräßigkeit., während der Akt selbst regelrecht ausartet: der weibliche Körper paart sich mit einem nicht menschlichen Wesen; der Ehemann erscheint als transformiertes Böses.

In der pränatalen Phase verstärken sich die Arztdiskurse: der Großstadt-Arzt gebietet, nicht auf Bücher und Frauen zu hören, denn die Vitamingetränke der Nachbarin und die Taniswurzel seien mit Nebenwirkungen für Schwangere verbunden. Stattdessen werden Vitamintabletten der modernen Pharmazie empfohlen. Ein dichtes Netz aus Hygiene-Vorschriften wird dem schwangeren Körper auferlegt. Der gesundheitsstaatliche und häusliche Versorgungsapparat überwachen die werdende Mutterschaft. Und zugleich zeigen sich äußere Auffälligkeiten des weiblichen Körpers: Rosemary schneidet sich die Haare ab, wird immer blasser und dünner, bis sie schließlich wie ein kleiner, magerer Junge aussieht. Die Frau wechselt das Alter, das Geschlecht. Sie ernährt sich nur noch von rohem Fleisch und versucht dieses gleich nach der Aufnahme wieder zu erbrechen. Die oberflächliche, sichtbare Körperveränderung verweist auf den hohen Energieverbrauch des Fötus; am weiblichen Körper wird das Monströse lesbar, es referiert auf ein Werdendes und Undefinierbares. Die Schwangerschaft wird als Krankheit empfunden und mit Schmerz und Leid assoziiert.

Diese emotionale Wendung wird mit zwei unterschiedlichen Bildern verknüpft: im Schaufenster beim Flanieren in der Großstadt erscheint das Bild Muttergottes mit dem Gottessohn auf dem Schoß, während die werdende Mutter im gleichen Augenblick das Gefühl eines Drahtes im Bauch verspürt, der sich immer weiter zusammenschnürt. Das Erbrechen der zuvor eingenommenen fleischlichen Innereien pervertiert das katholische Bild der mütterlichen Sorge: hier stößt der weibliche Körper den inkorporierten Vampir ab; der Fötus wird vom Körper als entfremdetes Anderes interpretiert. Erst nach einer Party mit Freunden – der Moment der Reintegration in die Gesellschaft/Öffentlichkeit – sprechen sich die Frauen gegen die (männliche) Arztpraxis aus. Das Gefühl des Schmerzes wird überwunden, als sich das Kind im Mutterleib regt und sich damit der weibliche Körper wieder regeneriert. Aus Erschöpfung wird Tatkraft: Sie befreit sich sowohl von der Vitamintherapie des Arztes als auch von der häuslichen Sektengemeinschaft. Gleichzeitig jedoch wird mit dieser Emanzipationswelle und Aufklärungsliteratur die weibliche Imaginationskraft gesteigert: der Glaube an Hexen-Literatur und Schauergeschichten macht die Schwangere zur Gefangenen ihrer eigenen Diskursgeschichte. Erst das Gespräch mit einem jungen Gynäkologen wird als Befreiung empfunden. Der Wunsch nach einer Hospitalgeburt wird in ihr geregt. Sie erträumt sich die Geburt des Kindes in der Praxis und flieht vor ihrem Mann und der nachbarschaftlichen Sekte. Doch die Überwachungsinstanzen üben Verrat an der Patientin, der mit einer Einweisung in die Psychiatrie gedroht wird. Schließlich treten die Wehen ein. Doch die Mutter kann sich ihres Glückes nicht freuen.

In der postnatalen Phase wird Rosemary eine Hausgeburt mit Komplikationen vorgespielt: sie habe das Kind verloren. Was folgt, sind die Anzeichen einer postnatalen Depression. Wieder einmal wird die Frau zur therapiebedürftigen Patientin, die hysterische Anzeichen aufweist, ausgelöst durch den Verlust des Kindes, eine Hysterie gedeutet als vorübergehende Bewusstseinsstörung. Doch die Patientin lässt sich nicht täuschen und folgt ihrem Mutterinstinkt. Eine geheime Tür in der Wand wird zum Tor in eine andere Welt. Die Kamera wechselt in die Ich-Perspektive; Rosemary, mit einem Messer bewaffnet, befindet sich in Verteidigungs- und Angriffshaltung, um sich selbst und ihr Kind zu retten, als sie schließlich in Mitten der nachbarschaftlichen Sekte mit Schrecken und Entsetzen auf das Antlitz des Neugeborenen reagiert.

Das Kind mit dem Namen „Adrian“ (der Mann aus der Hafenstadt) verweist in seinem Aussehen als auch in seinem Eigennamen auf die Ankunft des Anti-Christen. Das Symbol der „schwarzen Wiege“ belässt das tatsächliche Aussehen des Kindes im Ungewissen, es bleibt der Imaginationskraft des Zuschauers überlassen, doch als sich die Mutter der Wiege nähert verändert sich die (Un-)Ordnung von Traum und Realität erneut: sie nimmt das Monströse als Eigenes an. Rose-Mary wird zur invertierten Marienfigur. Sie gelangt zur Mutterschaft, indem sie sich der neuen Ordnung anpasst und damit gleichzeitig ihr eigenes Entfremdet-Sein überwindet. Ein Zeugnis monströser Mutterschaft?

 


Gott, Geld, Gene:

Die biopolitische Transformation des Weibes


Woher kommt die Monstrosität im Weibe? Wer hat sie erschaffen? Die Monstrosität des Weiblichen bzw. die weibliche Monstrosität reicht in die Überlieferung antiker Texte zurück. Religion, Philosophie, Literatur & Medizin, Anatomie und Physiologie durchzieht ein Band diskursiver Fragmente, die das Tableau von Monster & Mütter konstruierten und transformierten. Im langen 19. Jahrhundert entstand aus einer Verschränkung von ökonomischen (Kapital, Arbeit), biologischen (Evolution, Embryologie), medizinischen (Gynäkologie), ökologischen (Umwelt, Haushalt), soziologischen und psychologischen Diskursen ein semantisches Netzwerk, das durch die Verschaltung der Begriffe Arbeit und Leben der Monströsen Mutterschaft zu einer Wiedergeburt verhalf. Der Kauf und Verkauf von „Arbeitskraft“ (Karl Marx), Formen des ‚Kraftverbrauchs und der Erhaltung’ wurden zunächst ausschließlich mit der männlichen Produktivkraft gleichgesetzt. Das zeigen nicht zuletzt auch Fritz Kahns Popularisierungsstrategien des „Menschen als Industriepalast“, der den männlich kodierten Körper als Prototypen der Wärmemaschine konstruiert, während gerade die ‚Physiologie des Weibes’ vor allem in der Bilddarstellung zum Monströsen ausartet (vgl. Bilddarstellung der Gebärmutter bei Fritz Kahn).

Marx hat in Anlehnung an ein Zitat von William Petty sehr wohl erkannt, dass wenn die Kontinuität der Verwandlung von Geld in Kapital erhalten bleiben soll, die biologische Reproduktionskraft der Geschlechter in die ökonomische Struktur der Marktwirtschaft mit eingerechnet werden muss. An entscheidender Stelle heißt es:

Der Eigentümer der Arbeitskraft ist sterblich. Soll also seine Erscheinung auf dem Markt eine kontinuierliche sein, wie die kontinuierliche Verwandlung von Geld in Kapital voraussetzt, so muß der Verkäufer der Arbeitskraft sich verewigen, ‚wie jedes lebendige Individuum sich verewigt, durch Fortpflanzung’. Die durch Abnutzung und Tod dem Markt entzogene Arbeitskraft müssen zum allermindesten durch eine gleiche Anzahl neuer Arbeitskräfte beständig ersetzt werden. Die Summe der zur Produktion der Arbeitskraft notwendigen Lebensmittel schließt also die Lebensmittel, der Ersatzmänner ein, d.h. der Kinder der Arbeiter, so daß sich die Race eigentümlicher Warenbesitzer auf dem Warenmarkte verewigt. (Marx 2004, 173)

Hier tritt die Endlichkeit des Menschen der Unendlichkeit des Kapitals entgegen (Foucault), dessen Kontinuität durch die Reproduktion des Endlichen gewährleistet wird (vgl. Bild „Die Unsterblichkeit der Geschlechtszellen“ bei Fritz Kahn „Das Leben des Menschen“). Nicht umsonst spricht Joseph Vogl gerade in Bezug auf die künstliche Fortpflanzung des Geldes durch die Erzeugung von Zinsen von einer „monströsen Filiation“, die selbst die Natur denaturalisiert und sich der „grenzenlosen Selbstreproduktion von Mitteln verschreibt“ (Vogl 2010, 122f.). Bindet man jedoch das Konzept einer monströsen Abstammungslehre des Geldes, des Erzeugers, an den Begriff der Arbeitskraft zurück, ergibt sich ein interessante Konstellation: Die Fabrik wird zum Geburtsort des Mannes aus dem Geiste der maschinellen Produktionskraft, die Entbindungsklinik wird hingegen zum Geburtsort der Frau als Reproduktionskraft des Maschinellen. Doch wie sind die Begriffe Leben und Arbeit miteinander verwoben?

Janina Wellmann hat in ihrer Kulturgeschichte der Embryologie um 1800 überzeugend dargestellt, warum gerade die Embryologie zu einer Neubestimmung des Lebendigen führte, und führt diese Veränderung auf den Rhythmus-Begriff zurück, der eine eigengesetzliche Bewegung bezeichnete, der weder kausal determiniert noch regelmäßig oder gar teleologisch verlief. Rhythmus beschrieb eine unterbrochene, variable Folge, in der zu jedem Zeitpunkt innerhalb einer Zäsur eine Variation möglich war, ohne gegen die Gesetzmäßigkeit zu verstoßen (Wellmann 2010). Das Rhythmische war mit dem Lebendigen gleichbedeutend. Diese diskursive Verbindung herrscht jedoch nicht nur in der Embryologie vor. In der Wissensordnung um 1900 werden diese Begriffe durch den Begriff der Arbeit ergänzt und finden damit Eingang in den ökonomischen Diskurs. In Arbeit und Rhythmus (1899) charakterisiert Karl Bücher die Funktion der Arbeitsteilung nicht als eine bloße Vervielfachung der Arbeitskraft, sondern als Erzeugung und Verstärkung eines gleichmäßigen Rhythmus, wie dieser bereits seit Aristoteles als Form der rhythmischen Atmung und Blutzirkulation gekennzeichnet war. In seinen Ausführungen permutiert dieses Verständnis der Arbeitskraft zum transkulturellen Universalismus der Menschheit überhaupt, die er anhand von zahlreichen ethnographischen Studien stützt.

Die Dokumentation soll verdeutlichen, dass der „gewohnte Schall der Arbeit“ mit dem „Kampf ums Dasein“ aufs Engste verknüpft ist. Evident sei auch, dass Dichtung ursprünglich als Begleitmusik der natürlichen Klänge der Arbeit hervorgegangen sei. Besonders die „Frauendichtung“ zeuge noch heute von der Urszene des Arbeitsplatzes als geselliges Beisammensein im Rhythmus von Schall und Klang. Die ethnographischen Belege werden hierbei durch anthropologische Theorien gestützt. So folge Arbeitsvereinigung und Arbeitsteilung nicht nur dem evolutiven Prozess von Differenzierung und Integration, Arbeit sei immer schon mit anderen Tätigkeiten verbunden gewesen, wie z.B. der Kunst und dem Spiel.2)Bücher unterscheidet hier zwischen dem Arbeitsethos des „Kulturmenschen“ und der wilden Naturvölker. Der „horror laboris“ sei vor allem dort sehr stark verbreitet. „Labor“ und „travail“ seien seither – etymologisch nachgewiesen – mit Begriffen wie Not, Plage und Mühsal assoziiert gewesen. Im Gegensatz zum Kulturmenschen, der seiner Arbeit als Erwerbsarbeit nachgehe, sehe der Naturmensch in ihr eine bloße Bedarfsarbeit, die zwischen Arbeit und Genuss ein kontinuierliches Band sieht, da die Bedürfnisse des alltäglichen Lebens unmittelbar befriedigt werden (ebd. 9). Die Arbeit des Naturmenschen folge jedoch keinem ökonomischen Krafthaushalt, sondern einer „rohen Kraftverschwendung“, die er zum Teil für die Verrichtung von Schmuck verausgabe. Die „fortwährende Gemeinschaft zwischen Produzent und Produkt“ sei hier noch gesichert, was sich beim Kulturmenschen entfremde (ebd. 17). Während der Tätigkeitstrieb des Wilden demjenigen des spielenden Kindes ähnlich sei, gebe es beim erwachsenen Kulturmenschen eine Kluft zwischen Laune und Pflichtgefühl, die er gerade durch die Rhythmik überwinde. Der Wilde verausgabe sich stattdessen im Tanz. Daher sieht Bücher auch hier eine Verknüpfung zur Verausgabung beim Arbeiten. Die Gemeinsamkeiten beider stereotypischer Arbeitstechniken sieht er lediglich im Rhythmus verwirklicht, weil sich gerade hierdurch ein „automatisierter Charakter“ einstelle (ebd. 23), der sich unter der Maxime „Alle Übung ist Anpassung“ kundgebe (ebd. 26), wobei er unter Automatik ein zeitlich-dynamisches Maßverhältnis körperlicher Funktionen versteht, die sich mechanisch fortsetzen, „ohne eine neue Willensbetätigung zu erfordern“ (ebd. 26). Die Muskelbewegung wird zu einer reinen Regelbewegung mit Erholungs- und Ruhepunkten. In der Musik sind es gerade die Zäsuren, also das Ausbleiben des Rhythmischen, die den Rhythmus ausmachen. Daher kennzeichnet er den Rhythmus als regelmäßige Wiederkehr gleich starker und in den gleichen Zeitgrenzen verlaufende Bewegung. Der Ton, der bei der Produktion der Produkte entsteht, wird zum Takt dieser Tätigkeit, sodass Arbeits- und Tonrhythmus korrespondieren. Der Klang harmonisiert die Bewegungen und kontrolliert die Intensität der einzelnen Arbeitsschritte (ebd. 27). Allein das wirtschaftliche Moment habe hier gefehlt, das erst im Rhythmus seine volle ökonomische Funktionsweise entfalte. Er hält fest: „Durch ihn scheint in der Jugendzeit des menschlichen Geschlechts das ökonomische Prinzip instinktiv zur Geltung zu kommen, welches uns empfiehlt, möglichst viel Leben und Lebensgenuss mit möglichst geringer Aufopferung zu erstreben“ (ebd. 359).

Während sich also die Künste der Bewegung beim Vollzug der Arbeit zuerkennen geben, erscheinen die Künste der Ruhe in den hergestellten Produkten. Erst durch Werkzeuge werde der Arbeitsrhythmus so manipuliert, dass eine neue Form des Arbeitsklanges entstehe. Nun verbinde sich der Klang des Werkzeugs mit dem Gesang des Arbeiters, wodurch eine kraftersparende, mechanische Vorrichtung entsteht. Zwischen Stoff und Körper herrscht immer noch eine unmittelbare Beziehung, denn die Funktionalität des Werkzeugs ist an die Körperkonstitution des Arbeiters gebunden. Diese neue rhythmisierte Arbeitsmusik töte nicht den Geist ab, sondern befreie ihn. Weil die Willenstätigkeit an den Anfang des Arbeitsprozesses gestellt wird, werden alle nachfolgenden Bewegungen durch Wiederholung taktiert. Der Arbeitsprozess wird dadurch gleichsam auf natürliche Weise ‚halb-automatisiert’. Die Arbeit fließt wie von selbst, „wie das aufgegossene Öl den Gang der Maschine“ beeinflusst. Daher sei rhythmische Arbeit in hohem Maße „vergeistigte Arbeit“ (ebd. 366). ­­

Mit der Indienststellung von Naturkräften für die Produktion schmälere sich jedoch das räumliche Ausgreifen der Muskelbewegung. Der arbeitende Körper wurde zum Werkzeugsystem diszipliniert, um noch mehr Zeit einzusparen. Karl Bücher spricht daher von dem rhythmischen Gang des „Maschinenzeitalters“ (ebd. 379). Hier nun befinde man sich am Wendepunkt: „Die Arbeit stösst also alle fremdartigen Elemente ab; sie scheidet sich von den Künsten der Bewegung, dem Spiel, der Religionsausübung; sie wird zu einem ernsten Geschäft; einer Lebensaufgabe“ (ebd. 378). Das Maschinensystem habe den Klang der Arbeit zu wirren, ohrenbetäubenden Geräuschen verändert, die beim Arbeiter Unlustgefühle erweckten: „Der arbeitende Mensch ist nicht mehr Herr seinen Bewegungen, das Werkzeug sein Diener, sein verstärktes Körperglied, sondern das Werkzeug ist Herr über ihn geworden; es diktiert ihm das Maas seiner Bewegungen; das Tempo und die Dauer seiner Arbeit ist einem Willen entzogen; es ist an den toten und doch so lebendigen Mechanismus gefesselt“ (ebd. 381).

In dieser semantischen Konstellation von Rhythmus und Arbeit, Leben und Tod werden die Grenzen der wohl definierten (temperierten) Begriffe nahezu aufgelöst. Die Begriffe Arbeit und Leben fallen auseinander, weil sich der Rhythmus der klirrenden und klingenden Maschinen, ihre Surren und Schnauben, ihr Hämmern und Rascheln, dazwischen schiebt.

 


Frau = Arbeitstier


Obwohl Bücher sehr stark auf die männliche Arbeiterschaft fokussiert, lässt er die Frauen nicht unbeachtet. Die Frau sei ein „Arbeitstier“ und das nicht nur bei den Naturmenschen, sondern auch bei den Kulturmenschen. Damit schließt er zwar nicht an August Bebels Ausführungen zu Die Frau und der Sozialismus an, aber auch er beschäftigt sich mit der sogenannten „Frauenfrage“ im Zeitalter des Kapitalismus, die Bebel wie folgt auf den Punkt gebracht hat: „Frau und Arbeiter haben gemein, Unterdrückte zu sein. Sie ist das erste menschliche Wesen, das in Knechtschaft kam. Die Frau wurde Sklavin, ehe der Sklave existierte“. Hier wird nicht nur die Frau als solche mit dem Typus des Arbeiters schlechthin gleichgesetzt, die „Frauenfrage“ betreffe die allgemeine soziale Frage der Stellung der Arbeiterklasse in der Gesellschaft: gesellschaftlich wie ökonomisch, denn „es gibt keine Befreiung der Menschheit ohne die soziale Unabhängigkeit und Gleichheit der Geschlechter“.

 

Bebel spannt einen weiten kulturhistorischen Bogen von christlich-patriarchalischen Struktur, die die Frau als Verführerin zum Bösen, als pures Fleisch und Besitz des Mannes stigmatisieren, zum kapitalistischen Ursprungsmythos der bürgerlichen Kleinfamilie, die Eheschließungen als eine Form der „Leibeigenschaft“ betreibt und damit die Ehe als solche zu nichts anderem degradiere als einer „Versorgungsanstalt“, deren Struktur von ökonomischen Zwecken diktiert werde. Katholizismus und Kapitalismus binden Mann und Frau an des gegenseitige Versprechen, den „oikos“ zum Ort einer geheimnisvollen Transformation werden zu lassen, in welcher das eine Transzendentalsignifikat, Gott, für ein anderes eingetauscht wird: das Geld. Die Ehe wird damit, so Bebel, Gegenstand materieller Spekulation („Heiratsmarkt“, „Kupplerei“), während die abhängige Lohnarbeit als solche das Familienleben zerstöre. Auf diese Weise permutiere die vermeintliche ‚Versorgungsanstalt’ zur Produktionsstätte der ‚Anormalen’: Unterversorgung während der Schwangerschaft führe zur Krankheit und damit zur „Degeneration der Rasse“, zu „Rohheit, Sittenlosigkeit und Verbrechen“. Aus der Häuslichkeit werde eine bloße „Hausindustrie“. Dabei sei es gerade die Aufgabe des Sozialismus, die Menschen nicht von der Arbeit, sondern von der proletarischen Lebensweise zu befreien. Bebel gründet seine Argumentation auf erste Statistiken, die sowohl den Rückgang der Geburtenzahlen konstatieren als auch einen Anstieg der Scheidungsraten, die größtenteils von Frauen eingereicht worden seien. Man bedürfe einer anderen gesellschaftlichen Ordnung, um die Frau aus diesem Zyklus des ‚oikos’ zu befreien.

Besonders in der Prostitution zeige sich der Notstand weiblicher Arbeitskraft. Sie leite sich eben nicht aus einem natürlichen Geschlechtstrieb ab, sondern sei eine soziale Institution, „ohne welche die bürgerliche Gesellschaft undenkbar wäre“. Das dürfe jedoch nicht zum Argument für eine staatlich kontrollierte Prostitution genommen werden. Er kritisiert den „christlichen Staat“, der aus der Prostitution umgekehrt eine Geldeinnahme mache, „indem er zum Besten der Männerwelt die Prostitution staatlich organisiert und schützt“ (Kap. 38). Es sei gerade die Willkür des Polizei- und Überwachungsstates, die die Frau an den Rand des Gesetzes verdrängt und damit den Verführungsmythos der weiblichen Libido verstärkt habe. Gleichzeitig werden jene in den Findelhäusern geborenen Kinder zu Sittenmonstern, die die bürgerliche Gesellschaft gefährden. Da im 19. Jahrhundert nach biologischer Vaterschaft nicht gefahndet werden durfte, wurden die unehelichen Kinder auf Staatskosten als „Kinder des Vaterlandes“ ernährt.

Die weibliche Arbeitskraft ist eingebunden in die kapitalistische Schraube der herabsinkenden Löhne, wobei die verheiratete Frau das beste Vorbild für den hörigen Arbeiter darstelle, weil sie aufmerksam und gelehriger und daher auch an lange Arbeitsstunden gewöhnt sei. Gleichzeitig verbinde sich Maschinerie und Technik mit der billigeren Arbeitskraft der Frau, was zu einem höheren Produktionsprozess führe. Rückwirkend ergebe sich hier eine hohe Sterberate von Kindern der Fabrikarbeiterinnen, die vor allem in gesundheitsschädlicher Industrie arbeiteten. Die „sittliche Ordnung“ der modernen Industrie beschreibt Bebel mit folgender Substitutionsordnung: „Im Beginn der kapitalistischen Produktion steht auf dem Arbeitsmarkt der männliche Arbeiter fast nur dem männlichen Arbeiter gegenüber, jetzt wird Geschlecht gegen Geschlecht und in der Reihe weiter Alter gegen Alter ausgespielt. Die Frau verdrängt den Mann, und die Frau wird wieder durch die Arbeit der jungen Leute und der Kinder verdrängt“ (Kap. 35). Die Geschlechterordnung wird durch die Ordnung der Generationen endgültig dem Diktum der Effizienz unterstellt, während die Gebär-Mütter an die Reproduktionsmaschinerie der Fabrik gekoppelt werden, um die ‚Ersatzmänner’ und ‚Ersatzfrauen’ zur Welt zu bringen. Da spielt es genaugenommen auch keine große Rolle, ob sich das gesellschaftliche System, das propagiert wird, als kapitalistisches oder sozialistisches System definiert: die Hygiene des weiblichen Sexus, seine Pflege, Schonung und Ernährung, ist primär darauf ausgerichtet, die Spirale der Unsterblichkeit der Geschlechtszellen aufrecht zu erhalten, und nicht der Frau zu einer emanzipierten, sozialen Rolle zu verhelfen.

 


Frau = Uterus = autonomes Tier


Daher verwundert es nicht, wenn um 1900 Dr. P.J. Möbius in seiner international populär-medizinischen Schrift Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes (1903) nicht nur das sozialistische Modell der Befreiung der Frau angreift, sondern zum mythopoetischen Ursprung des Weibes schlechthin zurückkehrt: das Wesen des Weibes sei es Mutter zu sein: „Auch in geistiger Beziehung ist alles, was den Mutterberuf erleichtert, dem Weibe zu geben, alles, was ihn erschwert, zu beseitigen. […] Mütterliche Liebe und Treue will die Natur vom Weibe“ (Möbius 1903, 26). Sein Plädoyer für die gesunde Mutterschaft richtet sich gegen die Emanzipation der „Gehirndamen“, die eine „Entartung“ darstelle. Mannähnliche Weiber, Intellektualismus und Unfruchtbarkeit seien biologische wie soziale Symptome dieses „Schwachsinns“, den man durch eine einseitige Gehirnentwicklung nachweisen könne.3)Möbius verwendet pseudo-wissenschaftliche Vorannahmen der Psychologie und Anatomie beruhend auf rassenideologischen Prämissen, um seine Thesen zu stützen. Die Frau sei eher mit dem Tier zu vergleichen, denn der „Instinkt“ mache das Weib tierähnliche, das heißt, unselbstständig, gleichzeitig aber auch sicher und heiter (ebd. 21). Kulturhistorisch gehen derartige Überlegung auf den tiefverwurzelnden Aberglauben zurück, dass die Gebärmutter ein autonomes Tier sei (ein selbstständiges Organ mit einem eigenen Willen), in der Form einer Kröte, die in dem Leib der Frau wohne (Gélis 1984, 103).

Die Frau galt als zwittriges Wesen angesiedelt zwischen Gehirn und Uterus („Tota mulier in utero“). Die erhöhte Gehirntätigkeit, die mit der Emanzipation ansetze, sei schließlich dafür verantwortlich, dass die „Mutterorgane“ verkümmerten. Das Weib sei erkrankt: „Die modernen Närrinnen sind schlechte Gebärinnen und schlechte Mütter“ (ebd. 27). Über das Weib müsse die Natur – personifiziert als die „Frau“ ­– obsiegen. Möbius richtet im Namen der Natur daher streng: „Die Natur ist eine strenge Frau und bedroht die Verletzung ihrer Vorschriften mit harten Strafen. Sie hat gewollt, dass das Weib Mutter sei, und hat alle ihre Kräfte auf diesen Zweck gerichtet. Versagt das Weib den Dienst der Gattung, will es sich als Individuum ausleben, so wird es mit Siechtum geschlagen“ (ebd. 28). Die sichtbaren Zeichen der Abweichung und Entartung zeigten sich nicht nur in der Verwischung der Geschlechtscharaktere („weibische Männer“, „männliche Weiber“), was Anzeichen einer nervösen Nachkommenschaft sei, die man bereits in Frankreich, England und den Vereinigten Staaten beobachten könne. Besonders jene Weiber, die sich dem Mutterberufe nicht verpflichtet fühlten, seien ein „entartetes Wesen“. Ganz besonders während der Menstruation und der Schwangerschaft offenbare sich die monströse Veranlagung des Weibes, sodass Möbius zu dem Schluss kommt: „Während eines beträchtlichen Teiles ihres Lebens ist das Weib als abnorm zu betrachten“ (ebd. 29). Und diese ‚Abnormität’ gehe soweit, dass sie die Freiheit des Willens im Sinne des Gesetzes störe. Weibliche Physiologie, die das Soziale bedinge, sei gesetzeswidrig: Sittenmonster und deformierte Körper sind Zeichen des physiologischen Schwachsinns des Weibes. Kulturgeschichtlich verankert sind diese Diskurse in dem tiefen Glauben, dass die weibliche Imaginationskraft nur dann kreativ sein kann, wenn sie Monströsitäten hervorbringt.4)„Wird der mütterlichen Einbildungskraft die Fähigkeit zugesprochen, Monströsitäten zu gebären und so eine Imitation zu produzieren, die den Status des Neuen beanspruchen kann, so zeigt sich, dass diese Fähigkeit zur Nach- oder Abbildung durchaus auch positiv bewertet werden kann. Die Materie formende Kraft anerkennend wird an die Schwangeren appelliert, dass sie die ‚schönen Künste‘ als Vorbild nehmen und ein schönes Gemälde über dem Bett aufhängen soll, um so zu garantieren, dass das Kind wohlgestaltet geboren wird. Es zeigt sich an dieser Stelle eine ambivalente Einschätzung der mütterlichen kreativen Fähigkeiten: scheinen diese bedrohlich zu sein, weil die Einbildungskraft nicht mehr den Regeln der Vernunft folgt und ihre Kreativität nicht mehr nur reproduktiv, sondern produktiv funktioniert, so erkennt man die positiven Möglichkeiten dieser schöpferischen Kraft an, wenn diese beschränkt und auf das (in diesem Fall) Schöne hingelenkt wird“ (Nusser 2011, 60). Hier gedeutet in Bezug auf Goethes „Wahlverwandtschaften“.

 


Frau = Mutter = Gott


Erst ab den 1940er Jahren sollten die Begriffe der Mutterschaft und der Geburt eine semantische Verschiebung erfahren. Der englische Mediziner und Geburtshelfer Grantly Dick-Read publizierte 1942 sein höchst erfolgreiches Werk Childbirth without fear. Den Reproduktionsprozess sieht er als stärkste Säule in der Gesellschaft an und Mutterschaft als wichtigste biologische und soziale Institution: „Motherhood demands to be raised to its rightful position of preeminence in the affairs of state“. Mutterschaft ist in den Raum der ‚polis’ integriert, der wiederum vom biologischen Gesetz dominiert wird („the law of survival must remain the cornerstone of the temple of culture“). Sein gynäkologischer Befreiungsschlag des weiblichen, gebärenden Körpers besteht darin, dass er das christliche Dogma der leidenden Frau umkehrt und zwar in ein Leiden bei der Geburt, dass die Frau in die Nähe eines Gottes rückt. Der englische Begriff „Labour“, der sowohl für Arbeit als auch für Geburtswehen steht, wird hier positiv gewendet: dieser solle nicht mehr mit Schmerz und Gefahr assoziiert werden – da dies hormonell dazu führe, dass der Uterus geschlossen werde – sondern mit einem metaphysischen Erlebnis, wodurch Liebeshormone ausgeschüttet werden, die die Kontraktion beeinflussen und so den Geburtsprozess beschleunigen und erleichtern.dick read

Dick-Read hypostasiert das Konzept der Mutterschaft quasi-religiös zu einer sakralen Figur, in der Ethik und Metaphysik fusionieren: „The mother with her baby crosses this bridge and wanders blissfully in realms unkown to mortal man; neither logic nor psychology can trace the motive or the means of our translation“ (ebd. 42). Diese „spiritual perfection of physical achievement“ sei an das „national life“ gebunden: das Glück der Nation hänge von den gebärenden Müttern ab, daher lautet die Aufforderung an den Staat und das soziale System: „Give us back the Victorian mothers of seven and ten children, and we shall again be swayed by the quiet but irresistible goodness of true motherhood“ (ebd. 557). Er entwirft ein utopisches Gemälde einer unkontrolliert sich fortzeugenden Gesellschaft, die durch das transareale Band der Mutterschaft alle Nationen, Kulturen und Ethnien miteinander verbindet (ebd. 563). Durch Dick-Reads internationalem Bestseller stiegen die Hausgeburten drastisch an und seine Thesen wurden in den 1960er und 1970er Jahren vor allem in der New-Age und Hippie-Bewegung wieder aufgegriffen.

Auch die Feministin und Geschlechterforscherin Adrienne Rich argumentiert in Anlehnung an Dick-Reads Thesen von der furchtlosen Geburt gegen „alienated childbirth“ und „alienated labour“, die sie durch den bürokratischen und sterilen Klinikalltag gegeben sieht. Die gebärende Frau werde zur Gefangenen eines biopolitischen Dispositivs, dem sie sich notwendigerweise unterwerfen müsse. Doch die Geburt sei gerade kein isoliertes Ereignis und müsse daher wieder in den Alltag der Familien, in den ‚oikos’, integriert werden, um die Mütter von der Angst der bevorstehenden Geburt zu befreien (Rich 1995, 184). Die Geburt sei keine Konsequenz des biologischen Sexus, sondern die Erfahrung einer inneren Befreiung von der Passivität und Entfremdung des eigenen Körpers („I am a woman giving birth to myself“). Was jedoch immer noch übersehen werde – u.a. von Dick-Read in seinem Plädoyer für die Rückkehr zum viktorianischen Muttermodell –, sei das Phänomen der postnatalen Depression, die seit dem 19. Jahrhundert immer noch Verwirrungen in der medizinischen Profession und der Öffentlichkeit auslöse.

Das Bild der „dangerous motherhood“, das im 19. Jahrhundert als „domestic disorder“ interpretiert wurde und als Melancholie oder Manie beschrieben worden ist, war stets mit der Ausgrenzung der Frau aus dem gesellschaftlichen Leben verknüpft. Sie wurden im „asylum“ kuriert, um im ‚oikos’ wieder zu funktionieren. Die Symptome galten als klassenübergreifendes Phänomen und konnten nicht auf die Individualgeschichte der Patientin zurückgeführt werden. Die Unfähigkeit, das geborene Kind nicht lieben zu können, wurde zum Faszinosum. Das kleinbürgerliche Ideal der Mutterschaft und der häuslichen Versorgungsanstalt boten ein optimales Umfeld, um Familien und Ärzte auf jegliche Art von Normabweichungen aufmerksam zu machen (Marland 2004, 202).5)„We need to talk about Kevin“ basierend auf dem Roman von Lionel Shriver. Siehe hierzu die Interpretationen der amerikanischen Psychotherapeutin Barbara Almond in The monster within (2001).

Die Trinität aus Kirche, Klinik, Staat, Gott/Arzt und politischer Intervention, die keine Geschichte der Ablösung, sondern eine Geschichte der Interaktion darstellt, zeigt umso deutlicher, wie ungeborenes Leben und werdende Mutterschaft durch institutionelle Restriktionen und Instruktionen zu einem Bündel von unterschiedlichen Dispositiven (Foucault) zusammengeschnürt werden (Schlumbohm 2012, Casper 1998, Hanson 2004, Wulf 2008). Führt man die Embryologie (Teratologie), Gynäkologie und multidisziplinäre Sexualwissenschaft disziplingeschichtlich zusammen ergibt sich in der Überschneidung ihres unterschiedlich fokussierten epistemischen Objekts eine verflochtene Wissensgeschichte ungeborenen Lebens und werdender Mutterschaft. Diesen Überlegungen geht die von Barbara Duden vorgebrachte These voraus, dass die heutigen Gesellschaften aus Ungeborenen bestehen, da die Geburtsmedizin geprägt von Technik und Klinik als Dienstleistungsgewerbe die Schwangere in ein Abhängigkeitsverhältnis zwingt, dem sie sich notwendigerweise unterwerfen muss, wenn sie das Überleben ihres Kindes und ihrer selbst sichern will (Duden 1998, 168). Aus der Verflechtung von Katholizismus, Kapitalismus und der Biopolitik des Weibes geht das Konzept der „Mutterschaft“ als Ort der Zirkulation und Transformation des Kapitals hervor.

 


Mutterschaft:
Zirkulation und Transformation des Kapitals


Das Konzept der „Monströsen Mutterschaft“ sollte daher als ein genuin geschlechtsunspezifisches, transhumanes Merkmal einer postkapitalistischen Subjekttheorie verstanden werden, die sich aus der Homologie zweier Räume, zweier Institutionen ergibt: der Entbindungsanstalt, in der der weibliche Körper zum Ende des 19. Jahrhunderts dem ärztlichen-männlichen Blick enthüllt und der Uterus, der über Jahrhunderte als autonomes Tier im Leib der Frau gedacht wurde, als epistemisches Objekt sichtbar gemacht wird, und der Fabrik, Verausgabungsort der Arbeitskraft, die Produkte herstellt, deren Wert sich wiederum durch die verausgabte Arbeitskraft bemisst, die jedoch nicht genügend entlohnt wird und dadurch dem Kapital dazu verhilft sein Wachstum zu steigern.

Ebenso sind die Entbindungsanstalten Räume verschwendeter, verbrauchter Energie für eine Produkt, in das nicht investiert worden ist, weil dieses bereits außerhalb des libidinös-ökonomischen Kreislaufs der Ersatzmänner und Ersatzfrauen als ungeborenes Leben vor sich hinvegetiert. Aus den Entbindungsanstalten, in denen im 19. Jahrhundert zu neunzig Prozent Prostituierte behandelt worden sind, werden Waisenhäuser. Die Sozialwaise ist das Produkt eines ökonomischen Kreislaufs, dessen Existenzweise bereits prädeterminiert erscheint, indem der Fötus während der Schwangerschaft bereits vom Kapital ernährt wird. Dies führt zu einer Störung des Kreislaufs, denn Staat und Kirche müssen von nun an die Aufgaben der Vaterschaft übernehmen. Die verschwendeten Ersatzmänner/frauen müssen in den Kreislauf wieder integriert werden, damit der reibungslose Ablauf des Transfers von Geld in Kapital garantiert werden kann. Die Entbindungsanstalt ist das Anzeichen einer Störung, die Abweichungen produziert. Die Emergenz sozialer Phänomene, die von der gesellschaftlichen Norm abweichen, die Kriminellen und Asozialen, deren soziale Herkunft bereits eine biologische Ankunft des Monströsen, des Sittenmonsters, ankündigt, werden zu klinischen Gespenstern des Kapitals.

Wenn der umsorgende Staat als Vater die sozial Herkunftslosen durch seine Institutionen ernährt und erzieht, so ist es das liebevoll fürsorgende Mutterliebe des Kapitals, die es ihnen erlaubt, in den Kreislauf „lebendiger Arbeit“ wieder einzutreten, denn, so Marx, „das Kapital ist verstorbene Arbeit, die sich nur vampirmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt“ (Marx 1956-90, MEW23, 247). Die Arbeit, Mittel den Tod zu überwinden (Foucault), wird entwertet, obwohl sie selbst wertestiftend ist. Der Triumph gegen den Tod ist gar kein Triumph, wie in Michel Foucault interpretiert, denn in der libidinösen Verquickung von Arbeiter/Mutterschaft/Fötus wird der Sieg über den Tod durch Arbeit absorbiert, indem das Kapital die sexuelle Reproduktionskraft (die Libido) nutzt, um diese wiederum in Arbeitskraft zu verwandeln. Noch bevor der ungeborene Ersatzmann oder die ungeborene Ersatzfrau sich über den Wert seiner/ihrer Arbeit definieren kann, wird er/sie bereits in den Kreislauf des Kapitals eingesaugt.

Wenn es stimmt, dass sich im Laufe des 19. Jahrhunderts Anthropologie und Ökonomie zu einer gemeinsamen Wissenschaft des Menschen verschränken, dann müsste durch die Interdependenzen dieser Räume und ihrer Disziplinen eine Genealogie eines klinischen Dispositivs nachzuweisen sein, das als sokratische Mäeutik dem Kapital zur Geburt verhilft. Der Fötus wird zum Träger eines Kapitals, das sich selbst entbindet, indem patriarchalische Strukturen des Staates seine Entbindung sichern, während die biologische Mutterschaft als ‚Inkubations-Fabrik‘ genutzt wird. Der Vampirismus verstorbener Arbeit produziert monströse Mutterschaften, die in zukünftig, verstorbene Arbeitskraft investieren. Mütter gebären damit „Untotes“ (J. Vogl), weil das Kapital die Kraft des Lebendigen bereits in der pränatalen Phase verbraucht. Diese argumentative Spirale ließe sich jedoch noch weiter denken, denn der Fötus selbst wird damit aus ökonomisch-biologischer Perspektive zum inkorporierten Vampir, der bereits jene Arbeitskraft (der Mutter, des Arbeiters) verbraucht, für deren Erhalt er Sorge tragen muss.

Die „Mutterschaft“ gewährleistet die Transformation von Kräften, da sie verstorbene Arbeit in lebendige Arbeit konvertiert. Dass die Schwangerschaft als eine Form der Krankheit, die schwangere Frau als Patientin behandelt wird und die Geburt dem technisch-klinischen Blick unterstellt werden, deutet darauf hin, dass die Gefahr einer monströsen Geburt bevorsteht, die durch ein klinisches Dispositiv einer institutionellen Disziplinarmacht unterstellt werden muss.

Die Angst vor einer Geburt des inkorporierten Vampirs zeugt von dem Verdacht, dass das Kapital, das wir zur Welt bringen, uns nicht den Triumph über den Tod verspricht, sondern uns den nahen Tod ankündigt. Der Fötus verstanden als „vorgeburtlich entstandenes Verwaltungsobjekt“ (Duden) markiert den Punkt einer metaphysischen Frage nach dem Sinn und Zweck des Kapitals. Aus dieser Perspektive erscheint die Frage nach dem Sein gleichbedeutend zu sein mit der Frage nach dem Wert dieses Seins, denn Sein heißt, verbraucht werden. Eine Gesellschaft der „Ungeborenen“ (Duden) sind wir deshalb, weil wir uns davor fürchten, verbraucht zu werden: unsere Arbeit, unsere Zeit, unser Leben.

 

 


Kleine bibliographische Auswahl meiner Meme für alle Interessierten:

Almond, Barbara: The Monster Within. The Hidden Side of Motherhood. Berkeley, Los Angeles, London: University of California Press 2001.

Gelis, Jacques: Die Geburt. Volksglaube, Rituale und Praktiken von 1500-1900. München:
Diederichs 1989.

Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Hamburg: Verlag Otto Meissner 1867. 

Bebel, August: Die Frau und der Sozialismus. Zürich Hottingen: Verlag der Volksbuchhandlung 1879.

Dick-Read, Grantly: Childbirth without fear. The Principles and Practices of Natural Childbirth. London: Polinger in Print 2006. Vorschau bei Google-Books!

Duden, Barbara; Schlumbohm, Jürgen; Patrice Veit; Gilis, Jacques (Hg.): Rituale der Geburt.
Eine Kulturgeschichte. München: C.H. Beck 1998.

Hanson, Clare: A Cultural History of Pregnancy. Pregnancy, Medicine and Culture,
1750-2000. New York: MacMillan 2004.

Schlumbohm, Jürgen: Lebendige Phantome: Ein Entbindungshospital und seine Patientinnen
1751-1830. Göttingen: Wallstein 2012.

Wulf, Christoph (Hg.): Geburt in Familie, Klinik und Medien. Eine qualitative Untersuchung.
Budrich 2008.

Casper, Monica J.: The Making of the Unborn Patient. A Social Anatomy of Fetal Surgery.
New Jersey: Rutgers University Press 1998.

Wellmann, Janina: Die From des Werdens. Eine Kulturgeschichte der Embryologie 1760-1830. Göttingen: Wallstein 2010.

Bücher, Karl: Arbeit und Rhythmus. Leipzig: Teubner 1899. Online verfügbar!

Marland, Hilary: Dangerous Motherhood. Insanity and Childbirth in Victorian Britain. New York: Palgrave Macmillan 2004.

Möbius, P.J.: Der physiologische Schwachsinn des Weibes. Halle: Verlag von Carl Maihold 1903.

Nusser, Tanja: „Wie sonst das Zeugen Mode war“. Reproduktionstechniken in Literatur und Film. Berlin: Rombach 2011.

Rich, Adrienne: Of Woman Born. Motherhood as Experience and Institution. New York: W.W. Norton 1995.

Vogl, Joseph: Das Gespenst des Kapitals. Zürich: Diaphanes 2010.

Starnberger, Birgit: Monster und Freaks. Eine Wissensgeschichte außergewöhnlicher Körper im 19. Jahrhundert. Bielefeld: Transkript 2011.

Molitor, Noemi Yoko/Schlingmann, Marie: MonströseWeiblicheFremdeMonströseWeiblichkeit, in: kunsttexte 1/2006, online verfügbar!

FEEI – Falls es Euch interessiert   [ + ]

1. In der europäischen Volkstümlichkeit ist die Maus sexuell und erotisch konnotiert, gleichzeitig ist sie auch Warnsignal für übermäßigen Verzehr und das Schwinden und der Abbau von Lebenskräften. Sie sagt häusliche Schwierigkeiten und unehrliches Verhalten von Freunden voraus. Träumt eine Frau von einer Maus, droht ihr ein raffinierter, verräterischer Feind. Darüberhinaus ist sie Sinnbild der starken Vermehrung und der Gefräßigkeit.
2. Bücher unterscheidet hier zwischen dem Arbeitsethos des „Kulturmenschen“ und der wilden Naturvölker. Der „horror laboris“ sei vor allem dort sehr stark verbreitet. „Labor“ und „travail“ seien seither – etymologisch nachgewiesen – mit Begriffen wie Not, Plage und Mühsal assoziiert gewesen. Im Gegensatz zum Kulturmenschen, der seiner Arbeit als Erwerbsarbeit nachgehe, sehe der Naturmensch in ihr eine bloße Bedarfsarbeit, die zwischen Arbeit und Genuss ein kontinuierliches Band sieht, da die Bedürfnisse des alltäglichen Lebens unmittelbar befriedigt werden (ebd. 9). Die Arbeit des Naturmenschen folge jedoch keinem ökonomischen Krafthaushalt, sondern einer „rohen Kraftverschwendung“, die er zum Teil für die Verrichtung von Schmuck verausgabe. Die „fortwährende Gemeinschaft zwischen Produzent und Produkt“ sei hier noch gesichert, was sich beim Kulturmenschen entfremde (ebd. 17). Während der Tätigkeitstrieb des Wilden demjenigen des spielenden Kindes ähnlich sei, gebe es beim erwachsenen Kulturmenschen eine Kluft zwischen Laune und Pflichtgefühl, die er gerade durch die Rhythmik überwinde. Der Wilde verausgabe sich stattdessen im Tanz. Daher sieht Bücher auch hier eine Verknüpfung zur Verausgabung beim Arbeiten. Die Gemeinsamkeiten beider stereotypischer Arbeitstechniken sieht er lediglich im Rhythmus verwirklicht, weil sich gerade hierdurch ein „automatisierter Charakter“ einstelle (ebd. 23), der sich unter der Maxime „Alle Übung ist Anpassung“ kundgebe (ebd. 26), wobei er unter Automatik ein zeitlich-dynamisches Maßverhältnis körperlicher Funktionen versteht, die sich mechanisch fortsetzen, „ohne eine neue Willensbetätigung zu erfordern“ (ebd. 26). Die Muskelbewegung wird zu einer reinen Regelbewegung mit Erholungs- und Ruhepunkten. In der Musik sind es gerade die Zäsuren, also das Ausbleiben des Rhythmischen, die den Rhythmus ausmachen. Daher kennzeichnet er den Rhythmus als regelmäßige Wiederkehr gleich starker und in den gleichen Zeitgrenzen verlaufende Bewegung. Der Ton, der bei der Produktion der Produkte entsteht, wird zum Takt dieser Tätigkeit, sodass Arbeits- und Tonrhythmus korrespondieren. Der Klang harmonisiert die Bewegungen und kontrolliert die Intensität der einzelnen Arbeitsschritte (ebd. 27).
3. Möbius verwendet pseudo-wissenschaftliche Vorannahmen der Psychologie und Anatomie beruhend auf rassenideologischen Prämissen, um seine Thesen zu stützen.
4. „Wird der mütterlichen Einbildungskraft die Fähigkeit zugesprochen, Monströsitäten zu gebären und so eine Imitation zu produzieren, die den Status des Neuen beanspruchen kann, so zeigt sich, dass diese Fähigkeit zur Nach- oder Abbildung durchaus auch positiv bewertet werden kann. Die Materie formende Kraft anerkennend wird an die Schwangeren appelliert, dass sie die ‚schönen Künste‘ als Vorbild nehmen und ein schönes Gemälde über dem Bett aufhängen soll, um so zu garantieren, dass das Kind wohlgestaltet geboren wird. Es zeigt sich an dieser Stelle eine ambivalente Einschätzung der mütterlichen kreativen Fähigkeiten: scheinen diese bedrohlich zu sein, weil die Einbildungskraft nicht mehr den Regeln der Vernunft folgt und ihre Kreativität nicht mehr nur reproduktiv, sondern produktiv funktioniert, so erkennt man die positiven Möglichkeiten dieser schöpferischen Kraft an, wenn diese beschränkt und auf das (in diesem Fall) Schöne hingelenkt wird“ (Nusser 2011, 60). Hier gedeutet in Bezug auf Goethes „Wahlverwandtschaften“.
5. „We need to talk about Kevin“ basierend auf dem Roman von Lionel Shriver. Siehe hierzu die Interpretationen der amerikanischen Psychotherapeutin Barbara Almond in The monster within (2001).