Was passiert, wenn sich die Crème de la Crème der philologischen Fachverbände zusammenfindet, um über ein äußerst wichtiges Thema zu sprechen? Über ein Thema, das uns Philologinnen und Philologen doch immer schon unter den Nägeln brannte: den interdisziplinären Zusammenhang von Philologie(n) und Gesellschaft(en). Richtig: Es wurde an den drei Tagen viel diskutiert, aber nur wenig debattiert, denn Philologen sind nicht besonders bekannt für ihre Debattenkultur. Wie soll man sich auch streiten können, in einem prekären, akademischen Arbeitssystem, in dem jede polemisch-kritische Meinungsäußerung auf die Waagschale gelegt, geprüft, gewogen und vielleicht irgendwann einmal in einem Bewerbungsgespräch gegen einen verwendet werden könnte? Man will es sich ja nicht verscherzen mit seinen (potentiellen) Arbeitgebern; dies hatte zumindest eine mutige Medien- und Kulturwissenschaftlerin auf der abschließenden Podiumsdiskussion verlauten lassen: Frau Dr. Hanna Engelmeier, DFG-Koordinatorin des Forschungskollegs „Medien & Mimesis“ in Bochum/Weimar, für deren Äußerungen es so gleich lobenden, aber auch stets verhaltenen Applaus gab.

 


Interdisziplinär?


Dennoch haben es die Philologinnen und Philologen unter der finanziellen Schirmherrschaft der Volkswagenstiftung in Herrenhausen/Hannover geschafft, einige Themen anzustoßen, die uns interessieren – könnten. Zu diesen Themen hätte vielleicht der Begriff der „Interdisziplinarität“ und der „Gesellschaft“ selbst zählen können, aber das hat er leider nicht. Zumindest haben Prof. Dr. Andrea Polaschegg (HU Berlin) und Dr. Claude Haas (ZfL Berlin) mit dem Begriff der „Parallelgesellschaften“ und unter Rückgriff auf Jürgen Links Beschreibungsmodell der „Normalisierung“ versucht, den großen Brückenschlag zwischen Philologie(n) und Gesellschaft(en) zu wagen, auch wenn es den „Retro-Look“ der 1970er und 1980er Jahre nach sich zog. „Interdisziplinarität“ sollte also auf dieser Fachtagung praktiziert werden. Und das tat man auch. In verschiedenen Sektionen mit parallelen Panels – man war also wieder Wissenstourist oder -konsument und musste sich gezielt entscheiden, welcher Vortrag mehr Aufmerksamkeit verdiente – wurde über den Zusammenhang zwischen Literaturwissenschaft und Ökonomie (Nachhaltigkeitsforschung), Literaturwissenschaft und Theologie (es viel kurz der irritierende Begriff des „religious turn“), Literaturwissenschaft und Medical Humanities mit Erweiterung auf Psychotherapie und Psychoanalyse gesprochen (hier tummelten sich die Germanisten und Erzähltheoretiker aus Wuppertal; Fludernik & Co. aus Freiburg waren leider nicht vertreten). Selbstverständlich durfte auch die Wechselbeziehung zwischen der Literaturwissenschaft und der Soziologie nicht fehlen. Hier haben die Romanisten gleich fünf Vorträge hinter einander zu verbuchen gehabt und zwar nur zu einem Autor: Marcel Proust. Schöne alte Welt des Kanons!

Darüber hinaus wurden auch Themen zwischen Literaturwissenschaft und Recht in Bezug auf den Schuldbegriff verhandelt. Allesamt wichtige Themen, die die Gesellschaft(en) betreffen. Doch ein Problem gab es bei der ganzen Fachtagung: Experten sprachen zu Experten über Dinge, die sie bereits seit Jahren praktizierten, editierten und über die sie schrieben. Anscheinend wollte man sich vergewissern, ob das Wissen, das akkumuliert wurde, auch in der scientific community angekommen war. Warum sonst sollte man eine derartige Tagung mit all dem Aufwand organisieren, die zwischen den Disziplinen über ein Drittes verhandelt, dieses Dritte, die Gesellschaft(en), jedoch nicht eingeladen worden ist? Wäre es da nicht viel sinnvoller gewesen, über die Brückenschläge zu einer fachfremden interessierten Öffentlichkeit nachzudenken, über die medialen Kanäle, die uns zur Verfügung stehen, um uns selbst aus dem Elfenbeinturm zu befreien oder zumindest den „Tempelberg der Intellektuellen“ (V. Flusser) so umzustrukturieren, dass wir die anderen nachziehen können?

 


Herr Precht & Co.: Die dunkle Seite der Macht?


 

Es gab zumindest zwei Vorträge, die sich diesem Thema gewidmet haben. Der Vortrag von Maren Scheurer und Ruth Knepel über die „Produzenten des Scheins“ ergab eine medienphilologische Analyse der populär/wissenschaftlichen Akteure Richard David Precht und Manfred Lütz. Pointiert und mit viel Sinn für Humor, was den Gegenstand der Untersuchung anbelangt, haben Scheurer und Knepel den Mut bewiesen, über ein unwissenschaftliches Thema wissenschaftlich zu sprechen, auch wenn in der abschließenden Diskussion erkennbar wurde, dass sich die beiden Literaturwissenschaftlerinnen durch diese Literatur nur mit viel Selbstironie durchkämpfen konnte. Auf dem Bücherregal durften diese Bücher nicht stehen bleiben. Was absolut unberechtigt ist, denn die deutsche Sachbuchforschung hat es tatsächlich geschafft ein umfangreiches, wissenschaftliches Onlinematerial zur Verfügung zu stellen, dass die Entstehungsgeschichte dieser populärwissenschaftlichen Prosa, der Politik der Verlage und die Inszenierung der Medienintellektuellen offenlegt. Letzterer Untersuchungsgegenstand wurde bereits von der Vergleichenden Intellektuellensoziologie und den Kommunikations- wie Medienwissenschaftlern untersucht, für die das philologische Arbeiten höchstens eine Hilfsdisziplin darstellt. Gerade aus diesem Grund hat der Vortrag gezeigt, dass hier interdisziplinäres Arbeiten von größter Wichtigkeit ist, um unser Bild der Wissenschaften und unser Selbstbild als Wissenschaftler in der medialen Öffentlichkeit anders zu vermitteln als Herr Precht & Co. Über das angestoßene Stichwort „Präsenz“ in den Medien (hier vor allem dem Fernsehen) ließe sich bestimmt gut streiten (!).

Der andere Vortrag – mein eigener – bestand lediglich aus neun Thesen, die auf der Startseite dieses Blogs nachzulesen sind. Obwohl ich zunächst einen ganz anderen Vortrag geplant hatte, einen über die Wechselbeziehungen zwischen Interdisziplinarität und Populärwissenschaft, hatte ich mich herausgefordert gefühlt, als ich gesehen habe, dass mein Vortrag unter der Sektion „Philologische Öffentlichkeitsarbeit“ verzeichnet wurde und ich die einzige Vortragende in dieser Sektion war. Also entschloss ich mich kurzer Hand das zu tun, was von mir erwartet wurde. Dieser Blog – academia-goes-pop.de – gibt die Probe darauf.

 


Grabenkämpfe


Aber zurück zum Expertendiskurs mit ein paar helleren Schlaglichtern. Tangiert wurden die Plenarvorträge oft von einem tief verwurzelten Streit zwischen Zwei Kulturen – und die Rede ist hier nicht von den Natur- und Geisteswissenschaften, sondern von den Zwei Kulturen innerhalb der Philologie(n): der Sprach- und der Literaturwissenschaft. Während sich die Linguistik „normalisiert“ habe, indem sie sich dem Positivismus der Naturwissenschaften anglich, verhandle die Literaturwissenschaft immer noch die Frage, wie man von der Historisierung zur Geltung und Relevanz von Literatur komme. Aus ihrer Sicht müsse man „systematisch retro sein“ (Polaschegg/Haas), denn gerade ältere, das heißt, kanonische Literatur, zeuge von einer inneren Widerständigkeit gegenüber Normalisierungszwängen der Gegenwart: „Normalismus vertrage keine Explizierung“ (Polaschegg). Dabei gehe es nicht um eine Reaktualisierung des historischen bzw. historisierten Wissens für die Gegenwart, denn – ganz ehrlich – barocke Märtyrer aus den Dramen von Gryphius auf 9/11 zu übertragen (so das Beispiel von Polaschegg & Haas), sei absurd. Während die Linguistik dem Normalisierungszwang nachgegeben hätte, stünden die Literaturwissenschaftler mit ‚ihrer Literatur‘ allein, und auch die Selbstnormalisierungprojekte mithilfe der Medizin, Ökonomie und Ökologie oder die Rettungsversuche durch die Digital Humanities und die Didaktik würden dem keine Abhilfe schaffen. Man müsse stattdessen die Gegenwart „unverständlich“ machen und Literatur wie diejenige Elfriede Jelineks oder Roberto Bolaños würde dies bewerkstelligen.

Das erklärt, warum Literatur und die Künste für die Gesellschaft so wichtig sind. Das erklärt aber noch lange nicht, warum wir die Philologie(n) brauchen. Was uns zu unserem nächsten und (fast) letzten Punkt bringt, den Prof. Dr. Julika Griem von der Goethe-Universität Frankfurt am Main vorgebracht hat. Die Flucht in die Einsamkeit à la „Stoner“ sei keine Option, die Gruppen-Walfänger-Philologie von M. Krajewski und ihrem „deep reading“ von männlichen Lesekreisen ebenfalls nicht. „Quasi-philologische“ Rezeptions- und Produktionsformen von Wissen außerhalb der Uni-Räume, die nun Eingang in die Uni-Räume gefunden hätten, müsse man Geltung zollen. Eine Lösung seien sie jedoch nicht, denn mehr historisch-spekulative Methoden bräuchte man nicht, wohl aber eine Systematisierung gegenwartsphilologischer Forschung, die noch keine „normalwissenschaftlichen Praktiken“ ausgebildet hätte. Also: gegen eine „heilsame Historisierung“ und für mehr Gegenwartsliteraturforschung, wohlgemerkt ohne „Popularisierung“, denn die sei kein Ausweg. Dagegen hörte man in der Sektion zur Nachhaltigkeitsforschung, dass „Anschlusskommunikation“ als Form der Übersetzung des eigenen Wissens und die Popularisierung (dieses Wort wurde sehr vorsichtig gebraucht) ein wichtiger Bestandteil philologischen Forschens seien.

 


Die „Welt-hat-mich-nicht-lieb“ Haltung!


Also auch hier sprach man eher gegen- als miteinander. So plädierte Prof. Dr. Matthias Freise, Slawist aus Göttingen, für die „analoge Kommunikation“ der Künste als eine Form der Sozialisierung zu einer „global family“, einer Authentisierung der eigenen Kommunikation von der Familie bis in den globalen Maßstab hinein. Die Stimulation durch die Form, die Ambivalenzen und Assoziationen hervorrufe, pflege und kultiviere die Beziehungskommunikation. Und damit sind wir zurück beim wiederholt zitierten Hans Ulrich Gumbrecht dem Standforder-Romanisten und „seiner“ Macht der Philologie, den auch der DFG-Präsident Prof. Dr. Strohschneider in den Kreis der nicht-anwesenden Philologen rief. Das US-amerikanische Modell, die „liberal arts“ als eine Form der „general education“ anzusehen, als eine Form der „Artisten-Fakultät“, wäre eine Möglichkeit, um sich dem Diskurs über den Nützlichkeitswert der Philologie(n) im Wettbewerb der Wissenschaften nicht auszuliefern. Stattdessen müsse man dem „habituellen Anti-Institutionalismus“ mit einer „konkreten Institutionspraxis“ begegnen. Doch wie Frau Griem festhielt: Eine Reauratisierung von Forschung und Lehre maskiere den Philologen einmal mehr als gescheiterte Sozialfigur (einer männlichen „Sehnsucht nach Rührung“).

 


Also sprach das 19. Jahrhundert


Sollte man nun den Notstand der Philologie(n) ausrufen? Spätestens bei der Podiumsdiskussion war klar, dass es um intellektuelle Grabenkämpfe (das Spiel der Distinktionen im akademischen Feld) innerhalb einer Wissenschaft ging, die den Dialog selbst zur Sprachwissenschaft kaum gesucht hat. Eine einzige Linguistin meldete sich zu Wort, die sich wahrlich sehr einsam gefühlt haben muss. Aber genug nun der rührseligen Worte zu den „Tränenströmen und dem Schriftverkehr“ unter dem Banner „Wozu noch Geisteswissenschaften“ (Strohschneider). Verabschieden wir uns von der „die-Welt-liebt-uns-nicht-mehr Haltung“ (Strohschneider) und packen wir es an, um es emphatisch auszudrücken – denn an Emphase hätte es uns immer gefehlt (so der Schuldspruch). Doch schon tönt es laut und lärmend aus dem 19. Jahrhundert empor. Ein Seufzer, dann das Atmen und schließlich die Stimme, das Wort. Friedrich Nietzsche, Kult-Philologe, sprach: „Aus den Reden über Philologie, wenn sie von Philologen stammen, erfährt man nichts, es ist die reinste Schwätzerei […]. Gar kein Gefühl, was zu verteidigen, was zu schützen ist: so reden Leute, die noch gar nicht darüber nachgedacht haben, daß man sie angreifen könnte.“

Nach der Institutionsgeschichte der Philologien als Wissenschaften der Sprachen, Literaturen und Kulturen ist uns erst in den letzten 20 Jahren klar geworden, dass wir angreifbar sind und dass, wenn wir angegriffen werden, wir nichts anderes in unserer Hand haben als die blanke Wortgewalt – Waffe und Wundheilungsmittel zugleich! Wir haben gelernt, uns mit Worten zu verteidigen. Nun ist es an der Zeit unsere Taten für uns sprechen zu lassen.

 

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