Eine Arbeit, egal an welche Absichten geschnüpft, ist immer dann gut, sobald über ihren Wert gestritten wird. So auch im Fall von Malicks neustem Werk Song to Song (USA/MEX 2017). Des Öfteren stolpert man, vor allem im Kommentarbereich namenhafter Kritiker, auf die Ist das Kunst oder kann das weg-Diskussionen. Mein Urteil reduziert sich auf ein bereits gebrauchtes Adjektiv: Song to Song ist gut, viel besser als andere zeitgenössische Werke, aber, in cineastischer Hinsicht, nicht das Beste vom Besten.

Gut: selten bis gar nicht sollte man den Fehler begehen die Kreativität von Künstlern untereinander zu vergleichen, sondern sich, wenn überhaupt, nur in einem Oeuvre tummeln. Schlecht: ich kann nicht gerade behaupten eine Malick-Kennerin der ersten Stunde gewesen zu sein. The Thin Red Line (USA 1998) und dessen Reputation waren mir bekannt (und der Film steht auch noch auf meiner Watchlist) und das Lob um The Tree of Life (USA 2011) schwoll in jeder Kritik zu Malick weiter an. Doch es war letztlich Knight of Cups (USA 2015), den ich mir als Erstes zu Gemüte führte. Gut, dass ich ihn vor Song to Song sah. Schade, dass ich dort keine Weiterentwicklung erkannte.

Bevor an diesem Satz weitergesponnen wird, ein kurze, obligatorische Einführung in den Plot. Dabei stellt sich bei Malick generell die Frage: Geht es überhaupt um die adäquate Vermittlung eines Plots? Die Dreiecksbeziehungen zwischen den verschiedenen Figuren in Song to Song, ob nun die Story zwischen BV (Ryan Gosling) und Faye (Ronney Mara), die beide – bewusst im Fall von Faye, da sie sich als Bassistin/Gitarristin bei Patti Smith eine Karriere erhofft und u. A. deshalb mit dem Musikproduzenten Cook (Michael Fassbender) fremdgeht, unbewusst im Fall von BV, der solo versucht in der Musikwelt Fuß zu fassen und Faye zunächst noch die Treue hält – in Cooks Glanz und Glamour-Erlebnissen eintauchen, auftauchen und am Ende dort ausbrechen.

Das Ende lässt nur erahnen, dass beide vorhaben ein naturbelasseneres, friedliches Leben im Jetzt zu führen. Denn neben BVs Abwendung vom Showbiz und Hinabsteigen in das Klischee der klassischen Arbeiterschicht, resümiert der letzte audiovisuelle Kommentar lediglich eine Existenz beider innig umarmend in einer Steinlandschaft. Auch nebenher laufende Erzählstränge zwischen Cook und seiner Ehefrau und ehemaligen Kellnerin Rhonda (Nathalie Portman) ertrinken in unzähligen Liaisons und ersticken letzten Endes an Cooks Biographie mit dem Titel Exzess – Leben am Limit; was auch Rhonda nicht erspart bleibt. Aufschlüsse über die Chronologie, die Dreh- und Handlungsorte (Austin, Texas, und einige Städte in Mexiko) sowie die namentliche Identifikation der Figuren ergeben sich nur über die Informationen aus der paratextuellen Rahmung des Films.

Dieser eben erwähnte Titel zu Fassbender ist natürlich fingiert, spielt aber auf einen wichtigen Punkt bezüglich des Star-Cast an: Fassbender, der lang verschollen geglaubte Val Kilmer sowie Portman, die bereits in Knight of Cups brillierte, hätten ruhig viel mehr Raum zur charakterlichen Entfaltung bekommen können. Dasselbe gilt für den mageren Einsatz von Cate Blanchett alias Amanda alias BVs potentielle neue Freundin nach der Trennung von Faye, die, wie Portman, trotz der Kürze ihrer Auftritte mittlerweile zu Musen des Regisseurs auserkoren scheinen. Erneut ist Blanchett zur Rolle der (Ex-)Partnerin verpflichtet, doch ihr kühl sehnsuchtsvoller Blick, der stark an Clint Eastwood erinnert, ein reduziertes Make-Up sowie ihre lässige Robe und körperliche Grazie machen Lust auf eine Fortsetzung. Daran kommt Rooney Mara leider (noch) nicht heran. Auch wenn sie ihre starken Momente hat und sich durch den Film from song to song, from kiss to kiss bewegt, kommt sie trotz allem nicht aus ihrer Rolle des Homo Hipster heraus. Existenzfragen werden in einfache Syntax gepresst, wirken mit dem Rest der Inszenierung manchmal sehr stimmig, oft aber unnötig schwer. Wie so oft bemerkt, kommunizieren die Figuren eher nonverbal denn verbal, was eine wünschenswerte Abwechslung ist.

Es hat jedoch zur Folge, dass besonders Fayes Monologe aus dem Off über ihre Liebe zu BV wie Tagebucheinträge einer Heranwachsenden klingen. Auch Patti Smiths reife Lebensweisheiten können über diesen Umstand nicht hinwegsehen lassen. Ryan Goslings oft bemängelte Gesichtsstarre – sprich, Mangel zur Charaktervielfalt in physiognomischer Hinsicht – ist auch hier wieder auffällig. Dennoch sollte man sich eingestehen, dass hier ein Marketingkonzept im Hintergrund mitschwirrt, andererseits beweist sich Gosling in jener Szene eindrücklich, als BV seinen kranken Vater aufsucht, plötzlich in Tränen ausbricht und sich schließlich von ihm abwendet.

Die Intensität dieser Szene ist natürlich im gleichen Maß den Mitwirkenden hinter der Kamera geschuldet. Wie im Vergleichsbeispiel sind erneut unter anderem A. J. Edwards und Keith Fraase für den Schnitt verantwortlich, so auch Star-Kameramann Emmanuel Lubezki, der schon des Öfteren die Visionen Malicks, Iñarritus und anderer großer Regisseure visuell übersetzt hat. Der Wille zur Poetizität ist wie in Knight of Cups im wahrsten Sinne des Wortes spürbar und vermittelt den Eindruck, unmittelbarer am Geschehen teilzuhaben. Die eigenwillige Komposition aus Kamera und Schnitt erinnern an private Aufnahmen mit der ersten Handkamera, wirken aber gerade dadurch frischer und aktueller denn je. Sie scheinen – obwohl im Film immer wieder der Illusionismus angeprangert wird – direkt aus der Realität gegriffen; und entsprechen nahezu der Vorstellung einer Erinnerung eines Lebens, das sich aus der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft speist.

So kommen zwar insgesamt alle Stimmen des Films – ob Sprache, Bild und Ton/Musik – zu Wort, dennoch ist die Komposition trotz ihrer Schönheit etwas zu langatmig, vielleicht auch etwas sprunghaft. Auch wenn Faye BV in einer Szene, wo sie ihm beim Klavierspielen zusieht, darauf hinweist, langsamer zu spielen, da es sich um eine Liebesgeschichte handele, hätten dem Film bei fast zweistündiger Laufzeit und repetitiver Handlungsmuster mehr statischere bzw. längere Einstellungen gut getan. Die Musik, ob On bei diversen Festivals aufgenommen oder aus dem Off, entspringt verschiedenen Genres, spielt aber insgesamt, trotz Versprechen im Titel als Leitmotiv, nur eine Nebenrolle. Manches Mal kam bei mir der Gedanke auf, ob Lubezkis eigene Vorstellung überhaupt zur Geltung kommt und ob es hier nicht ab und an zum Konflikt zwischen den beiden Künstlern kam. Manche Schnitte wirken dabei zu willkürlich gesetzt. Dagegen ist der Trailer in seiner Gesamtheit viel stimmiger, weshalb Malick in Erwägung ziehen sollte, nicht vielleicht, wie zu Beginn seiner Karriere, doch wieder zum Kurzfilm (Lanton Mills, USA 1979) zurückzukehren.

All diese genannten Kritikpunkte bedeuten natürlich nicht, dass der Film es nicht wert ist, gesehen zu werden. Denn führt man sie zusammen, stößt man unweigerlich auf das eigentliche Thema des Films: Es ist die Suche. Denn wenn Faye nach sich selbst sucht, Rhonda nach Cooks Liebe, BV nach Frieden in seinem persönlichen Umfeld bzw. Mara, Portman, Gosling und die anderen Schauspieler, sowie Edwards, Fraase und Lubezki als auch die anderen Mitwirkenden nach der geeigneten audiovisuellen Inszenierung suchen, tragen alle – auch wenn Malick letzten Endes die letzten künstlerischen Einzelheiten in der Postproduktion bestimmt – dazu bei, ihn bei der Suche nach seiner Vision von einem Film zu unterstützen. Und diese Sinnsuche zu verfilmen, auf die Leinwand zu projizieren und dabei permanent sein ständiges Scheitern in eine doch sehr gelungene Atmosphäre zu überführen, ist angesichts Malicks Alter von stolzen 73 Jahren eine offen und ehrlich formulierte, künstlerische Entscheidung.

Ein zeitlicher Fortschritt kann auch mal einen Rückschritt bedeuten – dass Malick uns daran teilhaben lässt, ist in diesem Zusammenhang nicht nur gut, sondern außergewöhnlich im Bereich des Gegenwartsfilms.

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