… oder über die vermeintliche Rückkehr zur Authentizität


 

Sich ein Sprachspiel mit dem Titel von Iñarritus neuem Film The Revenant zu erlauben, ist unumgänglich. Viel zu verlockend erscheinen die filmästhetischen Mittel, die, nachdem man sich andere kinematografische Werke wie sein erstes Feature Amores Perros (von 2000) oder Biutiful (von 2010) ins Gedächtnis zurückruft, langsam den Eindruck eines markanten Stils erkennen lassen. Wie in Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) (2015) findet sich auch in The Revenant Lubezkis künstlerischer Umgang mit der Kamera, der in bisher allen erschienenen Rezensionen zu diesem Film einen festen Platz eingenommen hat. Nicht nur ließe sich hier schon an der Idee des Films als Kunst-Produkt kollektiver Autorschaft anknüpfen. Vielmehr ist eine weitere Komponente von Nöten, um hier an einen weiteren Knotenpunkt anzusetzen, nämlich der schauspielerischen Leistung Leonardo di Caprios. Beide Pole miteinander gepaart ergeben den Eindruck einer – letztlich gefährlichen bei unbedachten Gebrauch – Mischung aus realitätsfernen, wie gleichzeitig -nahen Erfahrung, die der Fiktion die Maske einer authentischen Lebenserfahrung verleiht. Ein Comeback postmoderner Romantik? Nein. Iñarritu scheint einen anderen Weg gewählt zu haben. Aber dazu gleich mehr.

Verharren wir einen Augenblick bei dem Gedankenspiel man könne Fiktion lebensecht „erfahren“. Verbinden wir sie mit den beiden oben genannten Knotenpunkten, erweitern sie durch die oft vergessene Komponente der Musik, die hier einen maßgeblichen Anteil einnimmt, um sodann zu dem zuvor postulierten Gedanken von Authentizität zurückzukehren.

 


„You came all this way for your revenge, huh? Did you enjoy it, Glass?“


 

Das Szenario ist in das Nordamerika der 1820er Jahre eingebettet. Wir finden eine Gruppe mehrerer Trapper vor, die man als Kehrseite der Medaille eines „Pioniers“ bezeichnen könnte. Sie versuchen sich in der rauen Wildnis mit Pelzen nicht den Lebensunterhalt, sondern das Überleben zu verdienen. Angeführt werden sie von Hugh Glass (Leonardo di Caprio), der von seinem Sohn Hawk (Forrest Goodluck) begleitet wird. Mit Hilfe einer sich zunehmend surreal steigernden analytischen Rückwende wird uns in der ansonsten chronologischen Handlungsabfolge mitgeteilt, dass Hawks Mutter eine Einheimische qua „amerikanische Ureinwohnerin“ war, jedoch schon in seiner Kindheit verstarb. Glass steht somit zwischen zwei Welten, die im gesamten Film immer wieder brutal aneinandergeraten. Das passiert auf der Makro- wie auf der Mikroebene. Nicht nur werden die Trapper, angeleitet von Captain Andrew Harry (alias Domhnall Gleeson), von der Natur und von den Einheimischen angegriffen, sondern diese destruierende Dynamik setzt sich innerhalb der Gruppe fort. Fitzgeralds omnipräsente Passivaggressivität (wunderbar inszeniert von Tom Hardy) gegenüber Glass und seinem Sohn kehrt sich schließlich in eine aktive um: er tötet Hawk und lässt den durch einen Bärenangriff schwerverletzten Glass, der dadurch zunächst handlungsunfähig wurde, in der Wildnis zurück. Der Weg der qualvollen Rache beginnt.

Es ergibt Sinn, weshalb di Caprios oft hochgelobte, schauspielerische Leistung wahrscheinlich in diesem Jahr mit einem Oscar gewürdigt wird. Vergegenwärtigt man sich seine Karriere der letzten Jahre ist ihm in diesem Fall sein genuines Auftreten als überzeichneter Charakter entzogen worden: Glass bleibt nichts außer seinen mentalen und physischen Wunden. Dank dieses Settings gelingt es di Caprio, sein oft übersteigertes Pathos auf ein Minimum zu reduzieren. Er verdichtet ihn eher. Glass konzentriert seinen Hass auf seiner langen Reise, um im finalen Schlag gegen Fitzgerald die geballte Unerbittlichkeit der bzw. seiner Natur, die auf ihn übergegangen zu sein scheint, auszulassen. Seine Darstellung wirkt deshalb so lebensecht, da er mit empathischen Mitteln operiert, die aufgrund der Reduktion auf Mimik und Gestik umso ominöser wirken: wir fühlen mit seinem Schicksal mit, wollen, dass ihm Gerechtigkeit widerfährt. Aber spielt das in der Inszenierung einer unzivilisierten Natur überhaupt noch eine Rolle? Das Resultat ist genial wie ernüchternd: You came all this way for your revenge, huh? Did you enjoy it, Glass? Mit diesem Satz konfrontiert Fitzgerald ihn und nicht zuletzt auch uns in deren letzten Kampf. Neben diesem von vielen autoreferentiellen Brüchen im Film sieht man sich nicht nur einer Verdichtung von Seiten di Caprios gegenüber, der die Figur als reine physische Wunde verkörpert, die Leistung hinter der Kamera verdichtet Bild & Bewegung bis zum Durchbruch der vierten Wand.

 


Das unbezähmbare Kamera-Auge


Die Musik Sakamotos Ryuichis, die er mit dem Soundkünstler Carsten Nicolai für den Film kreierte, trägt hier einen maßgeblichen Anteil zur Genese eines gebrochenen, authentischen Eindrucks bei. Die Bildgewalt kombiniert mit der ebenso gewaltig wirkenden Musik ziehen uns immer wieder in den Film hinein. Hört man genauer hin, imaginiert man den Geschmack von der gefrorenen und eisigen Erde, auf dem sich Glass mit seinem geschundenen Körper zieht. Sie erinnert auch immer wieder an das im Film sprachlich formulierte Rauschen des Windes, flacht ebenso ab, indem man sich seiner eigenen Präsenz aufgrund der Dominanz von Bild und Ton und somit Künstlichkeit bewusst wird, um am Ende mit dem Atem von di Caprio im blackscreen zu verstummen. Sie mutiert somit zu einem gleichberechtigten, tragenden Pfeiler der Narration.

Nicht nur tragen Sakamoto mit der Musik, Iñarritu und Mark L. Smith mit ihrem Drehbuch zu einem vorläufigen Bruch des Fiktionspaktes bei, sondern auch Lubezkis phänomenale Kameraarbeit. Denn auch sie führt dazu, dass wir zwischen einer Bewusstwerdung von Fiktion und Realität hin- und herpendeln. Sie zieht uns wie ein Wasserfall in den Strudel der Erzählung hinein, spuckt uns aber auch genauso wieder hinaus. Lubezki gelingt dieser Coup mittels eines gewissen Grades an Autonomie der Kameraführung: die Kamera verharrt nicht allein auf di Carpios Charakter oder den anderen Schauspielern (hier muss auch an die überraschend gute Leistung des zunehmend bekannter werdenden Will Poulter alias Bridger erinnert werden), sondern schweift ebenso gern ab, um die atemberaubende Landschaft einzufangen, die dadurch insgesamt einen sublimen und dadurch im Gegensatz zu den Figuren gleichwertige Wichtigkeit erhält. Die Kombination einer schwenkenden, sich meist bewegenden Kamera verleiht ihr den Eindruck anthropomorpher Züge: es ist eine trügerische Anthropomorphisierung, die sich nach dem naturalistisch anmutenden Kampf zwischen Glass und dem Bären immer wieder auflöst, wieder aufbaut und durch Einsatz einer intelligenten Montage der mit kalten Farben gemalten Atmosphäre den Status eines beteiligten Beobachters (angelehnt an Susan Sniader Lansers narratologischen Einsteilung) einnimmt und damit maßgeblich zum hohen Grad der Poetizität des Films beiträgt.

 


Vom Glanz verstaubter Filmmythen


Unser zuvor begonnenes Gedankenspiel enthüllt sich als Spiel seitens des Regisseurs Iñarritu. Denn die zuvor erwähnte Mischung eines realitätsnahen wie -fernen, also fiktionalen und realistisch anmutenden Films entlarven sich als: reine Inszenierung von Authentizität. Iñarritus Verfahren, ähnlich wie in Babel (2006) zufällige Begegnungen erzählerisch zu verknüpfen, in Biutiful Einzelschicksale realitätsnah durch scheiternde Heldenfiguren zu skizzieren oder wie in Birdman die amerikanische Entertainment-Industrie mit grotesker Ironie kritisch zu reflektieren, kulminieren in The Revenant zu einem weiteren Geniestreich, bei dem der Regisseur erneut in die uralte, aber robuste Filmkiste Hollywoods gegriffen hat, um die dort bereits verstaubten Filmmythen aufzupolieren. Indem er ihnen seinen künstlerischen Duktus überstülpt, erinnert er einmal mehr an den magischen Realismus Lateinamerikas, der wiedergeboren zu sein scheint. Dieser Film ist nicht nur für Liebhaber gewaltiger Bildnaturen, alternativer Erzählformen oder der kreative Umgang mit Filmmusik gedacht. Sondern scheint an all jene zu appellieren, die sich eben jener postmodernen Romantik des Alltags verschrieben haben. Die sich, wie die Omnipräsenz von social media beweist, in einer aus Simulakren zunehmend verdichtenden Gesellschaft verlieren. Die vermeintliche Authentizität, die in The Revenant in Frage gestellt wird, greift schließlich indirekt auf das eigene Leben über. Auf diese Weise repräsentiert er jene selten gewordene Filme, die den Nerv der Zeit treffen.